4. Chemo-Woche – Das schwarze Loch

 

Ich wusste, dass es kommen wird. Das schwarze Loch. Ein Loch, das all meine gute Gedanken verschlingt, dadurch immer stärker und größer wird. Und dazu eine Portion dunkle Energie, die dazu führt, dass sich düstere Gedanken ausdehnen – wie das Universum.

Erst war das schwarze Loch ganz klein, nahezu unscheinbar. Es tauchte am Freitag gegen Mittag auf. Als ich es kommen sah, dachte ich: Augen zu. Schlaf ’ne Runde! Doch nach dem Mittagsschläfchen war es umso größer.

Ich sah hinein, konnte nicht wegsehen.

Negative Gedanken wie auf Umlaufbahnen

Immer wieder tauchten negative Gedanken auf: Werde ich den Krebs denn wirklich besiegen? Wieso habe ich überhaupt Krebs? Warum trifft es mich gerade jetzt? Wieso darf ich kein normales Leben mehr haben? Wo sind meine wunderschönen Haare hin? Werden sie je wiederkommen? Und wenn ja, wie werden sie dann überhaupt aussehen?

Was passiert nach der Chemo? Werde ich eine hässliche Brust bekommen? Werde ich ein Lymphödem haben? (Wer mich kennt: Ich hatte schon immer Probleme mit der Größe meiner Oberarme…) Wird eine Transplantation mit Lymphknoten möglich sein? (Ich will keinen Monsterarm mit all seinen Problemen!) Werde ich wieder 100 Prozent Fabi sein? Werde ich je Mutter sein? (Ich bin schon 38). Wird nach all dem Scheiß der Krebs zurückkommen? Werde ich früh sterben?

Ich könnte so weiter machen, mit all den schlechten Vibes, die mich am Freitag plötzlich trafen wie ein Schlag. Hunderte Gedanken prasselten plötzlich auf mich ein. Kein guter Gedanke war mehr da.

Also trat ich die Flucht nach vorne an. Verließ Hals über Kopf meine Wohnung. Doch der Gang vor die Tür war zunächst nicht hilfreich: Ich sah Familien mit Kindern, die lachten. Schwangere Frauen mit zufriedenen Gesichtern. Pärchen, die Händchen hielten. Freunde, die in der Kneipe beim Bierchen Witze zum Besten gaben. Menschen, die ein scheinbar normales und glückliches Leben haben. Menschen, die Haare haben. F… dich Leben. Das dachte ich.

Geruchsinn wie ein Hund

Zum Glück erreichte ich einen Freund, der sich auch gleich zu mir auf den Weg machte. Wir gingen ins Kino. Eine Komödie sollte meine Laune wieder bessern. Leider war der Film total mies. „Nice Guys“. Furchtbarer Film. Bitte lasst es bleiben, möchte mein Ich in die Vergangenheit rufen. Denn es war ein wirklich total bescheuerter, humorloser Ami-Film. Verschenkte neun Euro.

Außerdem machte sich eine Nebenwirkung der Chemo bemerkbar: mein verstärkter Geruchsinn. Ich kann jetzt nämlich riechen wie ein Hund. Leider. Die Damen, die sich vor uns in die Reihe setzten, rochen nach süßem Parfüm. Igitt. Süßliche Gerüche kann ich gerade echt nicht vertragen.

Also flohen Andy und ich in die ersten Reihen, wo niemand saß. Dumm nur, dass ich dann irgendwann Andys „Bierfahne“ extrem wahrgenommen habe. Dabei hatte er gerade mal eine halbe Flasche getrunken. Mehr nicht. Und normalerweise würde ich das auch nicht riechen. Und ich habe auch keine Probleme  damit. Ich sag’s ja: Hund.

Beam me up Scotty

Das Kino hatte aber auch sein Gutes. Das schwarze Loch hat mich nicht verschlungen. Wie in Star Trek hat es mich a la Raumschiff Enterprise gerade noch mal mit Warp-Geschwindigkeit weggebracht in eine andere Galaxy.

Am Samstag hieß es dann: Den schlechten Gedanken vorbeugen. Die Maßnahme: Wandern an der Isar. Leider war ich noch ziemlich mürrisch. Zum Leidwesen meiner Begleitung. Dazu kam: Hunger, Pipi, kalt. Wer mich kennt, weiß: Eine wirklich blöde Situation. Ich werde dann „leicht“ zickig. An dieser Stelle noch mal Sorry Andy. Und danke fürs Wandern. Das tat nämlich so gut, dass das schwarze Loch nicht noch mal auftauchte.

Was die Nebenwirkungen nach der 2. Chemo betrifft, die sind relativ ähnlich wie beim ersten Zyklus. Nur das gratis Betrunkensein gibt es nicht mehr. Alles in allem vertrage ich die Zytostatika bisher recht gut.

Was etwas nervt, ist das latente Sodbrennen und der Ekel vor bestimmten Lebensmitteln. Das macht essen recht schwierig. Widerlich finde ich vor allem Fleisch und Früchte. So dass ich mein Verbot von Kohlehydraten aufheben musste, um überhaupt etwas essen zu können.

Am Dienstag war es eine Brezn mit Obazda (lecker!), am Mittwoch das halbe Brötchen vom Fleischkäse, am Donnerstag Gemüselasagne (okay, die Nudeln habe ich nicht gegessen). Zum Glück ist mir nicht so schlecht geworden danach. Flau war es mir aber schon im Magen.

Und ich habe schon wieder merklich an Gewicht verloren. Das muss aufhören. Da ich aber damit rechne, dass sich das in der zweiten, also fünften Woche mit dem Essen bessert, bin ich guter Dinge, mein Gewicht wieder ins Lot zu bringen.

Nebenwirkungen

  • Sodbrennen
  • spontane Müdigkeit
  • irritierte Mundschleimhaut
  • belegte Zunge
  • Haarausfall
  • starker Geruchssinn
  • Ekel vor vielen Lebensmitteln
  • Hitzewallungen
  • Stimmungsschwankungen

Achso: Meine Leukos sind jetzt bei 3.200. Leberwerte sind etwas erhöht. Hämoglobin ist etwas gestiegen. Ich gehe jetzt erst mal ne Runde Joggen. 🙂

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2 Gedanken zu “4. Chemo-Woche – Das schwarze Loch

  1. Deine Haare werden wunderschön wiederkommen! 🙂 Meine sind jetzt schöner als vorher!! Mir wurde in der rechten Axelhöhle alles an Lymphknoten entfernt, samt Wächterlymphknoten und die rechte Brust wurde komplett abgenommen, da war ich 29 Jahre alt. Heute bin ich 35 und ich hatte noch nie ein Lymphödem!! Erst vor 2 Monaten habe ich mir die Brust mit Eigengewebe aufbauen lassen und sie sieht richtig toll aus!! Im Juli diesen Jahres wird die Gegenseite angeglichen. Ich freu mich schon richtig drauf. 🙂 Es werden auch wieder schöne Zeiten kommen, in denen auch du wieder lachen wirst und das Leben genießen kannst. Ich finde mich so wieder in den Gefühlen die du beschreibst, und auch ich hätte damals nie gedacht, dass das Leben wieder schön sein kann. Aber das ist es!! Und ich lebe es noch bewusster und schöner als vorher!! 🙂 Bleib stark, es lohnt sich!! Fühl dich lieb umarmt. Annika 🙂

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