Schön – auch mit Krebs

Bin ich noch schön? Viele Chemopatientinnen stellen sich diese Frage unweigerlich. Denn der Medikamenten-Cocktail verändert das Äußere stark: Die Haare gehen aus, ebenso Augenbrauen und Wimpern. Das nagt am Selbstbewusstsein. Es zu stärken und Schönheit in der Krankheit zu finden, dafür macht sich ein Verein besonders stark. Mit großem Erfolg.

Heute habe ich Krebs! Beim morgendlichen Blick in den Spiegel huscht dieser Gedanke Frauen wie Nina unweigerlich durch den Kopf. Das Haupt ziert eine Glatze, Augenbrauen und Wimpern fehlen. Unter den Augen zeichnen sich dunkle Ringe ab. Nina steht die Krankheit ins Gesicht geschrieben.

 

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Nina geschminkt/ FotoMake-up: Nana – Recover your smile e.V

Die junge Frau erhielt im Dezember 2015 die Diagnose Brustkrebs. Nun hat sie ein halbes Jahr Chemotherapie hinter sich. Der Grund für ihr Aussehen. Denn die verschiedenen Medikamente (Zytostatika) attackieren nicht nur den Tumor. Sie greifen auch alle sich schnell teilenden Zellen im Körper an – also auch Haar- und Hautzellen.

Den Krebs ins Gesicht schauen

Sich plötzlich so zu sehen, nagt extrem am Selbstbewusstsein. „Als ich die ersten Haarbüschel verloren habe, fand ich das ganz schrecklich“, erzählt Nina. „Mich dann das erste Mal ohne Haare zu sehen, war schlimm“. Sie habe sich nackt und verletzlich gefühlt. „Für mich hieß das auch ein Stück Verlust der Weiblichkeit, Verlust der Identität“, beschreibt die 34-Jährige das eindringliche Erlebnis mit dem neuen Ich.

Sorgen machen sich Betroffene daher auch in Bezug auf den Umgang mit anderen. Da ist die Angst, dass man ihnen die Krankheit ansieht, sie deshalb in eine Schublade steckt, sie anders behandeln könnte. Das kann zusätzlich deprimieren und unsicher machen.

Das ging auch Nina so. „Werde ich als Frau gesehen oder werde ich nur noch als Kranke gesehen? Wer bin ich? Wen sehe ich im Spiegel? Wen sehen die anderen?“, beschreibt die junge Frau ihre Gefühlswelt von damals.

Diese Sorgen vertrieb ihr ein Tag bei Nana – Recover your smile („Gewinn Dein Lächeln zurück“). Hier fand Nina zu neuem Selbstbewusstsein. Der gemeinnützige Verein bietet Chemopatientinnen in ganz Deutschland ein kostenloses Schminkseminar mit Foto-Shooting.

Frauen erhalten hier Tipps für ein Tages-Make-up ohne angemalt zu wirken. Schminkprofis zeigen, wie sich Augenringe, unreine Haut und Rötungen kaschieren lassen. Sie erklären, wie Augenbrauen nachgezogen und Wimpern angeklebt werden.

Model für einen Tag 

Durch das anschließende Foto-Shooting mit einem Profi-Fotografen bleiben tolle Erinnerungen an diesen Tag. Mutige Fotos halten fest, was alles in den Frauen steckt. Nicht selten präsentieren sich einige von ihnen vor der Kamera mit Glatze.

Wer möchte, darf an diesem Tag auch mal etwas völlig Verrücktes, Kreatives ausprobieren. Dafür steht ein großer Fundus mit bunten Perücken, Kleidern und Accessoires zur Verfügung. Von der leuchtenden Märchenprinzessin bis zur Femme fatale ist nahezu jede Verwandlung möglich. „Ich vermute, dass die Überspitzung den Frauen hilft, Mut zu fassen, sich zu zeigen, zu präsentieren. Dafür spricht, dass viele zu unseren Terminen zwar mit Mütze oder Perücke kommen, aber mit Glatze nach Hause gehen“, sagt Vereinsgründerin Barbara Stäcker im Gespräch.

Der Verein hat sie im Umgang mit der Krankheit verändert, erkennt Nina. Vor allem das Shooting habe ihr dabei sehr geholfen. „Ich habe festgestellt, dass ich gar nicht so komisch aussehe. Dadurch habe ich mich einfach getraut, mal ohne Perücke nach draußen zu gehen“, so die 34-Jährige. „Das gesamte Team ist mit Herzblut dabei. Sie haben uns allen ein tolles Gefühl gegeben und uns gezeigt, dass wir alle schön sind.“

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 Alle Fotos: © Foto /Make-up: Nana – Recover your Smile e.V

Nanas Vision vom Helfen

Vereinsgründerin Stäcker weiß, wie wichtig es für Betroffene wie Nina ist, die eigene Schönheit in der Krankheit zu finden. 2012 verstarb ihre Tochter Nana mit 21 Jahren an einer seltenen Form von Knochenkrebs. Während der Chemotherapie lies sich die junge Frau schminken und fotografieren. Daraus schöpfte sie enorme Kraft.

Ihre Tochter habe um die nachhaltige Wirkung der Fotos gewusst und so die Idee für den Verein gehabt. „Dies weitergeben zu können, hat etwas Bestärkendes, auch für uns als Eltern“, sagt Stäcker im Gespräch.

Dies kann Nina nur bestätigen. Durch „Nana – Recover your smile“ sei sie mutiger geworden – auch in Bezug auf Fotos. „In der ersten Zeit wollte ich überhaupt keine Fotos von mir machen lassen. Das hat sich komplett geändert. Ich finde die Fotos, die gemacht wurden, toll. Und die Zeit, die ich gerade durchlebe, gehört einfach dazu. Das habe ich durch den Verein erkannt.“

Nanas Vision hat Stäcker nach dem Tod der Tochter umgesetzt. Dafür hat sie Make-up-Artisten von Lilly meets Lola und Profi-Fotografen an Bord geholt. „Unser Team verfügt über große Erfahrung, Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl“, sagt Stäcker. Und weiter: „Die Nachmittage bei uns sind geprägt von: Lockerheit, Spaß, Verrücktheiten, Ausprobieren. Und trotzdem einem Platz für Gefühle und auch mal Tränen, wenn es sein muss.“

Zuversichtlicher und optimistischer

Durch seine Arbeit hilft der Verein vielen Krebspatientinnen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Die Frauen werden zuversichtlicher, optimistischer und gehen gestärkter durch die Therapie.

„Wir haben es so oft beobachtet, dass sich ein schüchternes Mädchen mit eingezogenen Schultern innerhalb von drei Stunden in eine strahlende Prinzessin verwandelt“, berichtet Stäcker. Einige würden Monate später von einem Wendepunkt in ihrem Leben sprechen. Andere fingen an, Blog zu schreiben oder sich Familie und Freunden anders zu öffnen. „Sie entdecken Strategien für sich, in der Erkrankung ihren eigenen Weg zu finden. Ein Partner formulierte es mal kurz und knapp: ‚Danke, ihr habt mir meine Frau wiedergegeben.’“

Hier ein Video von „Nana – Recover your smile“

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