Chemowochen 15, 16, 17

Ich erinnere mich, wie ich 2011 einmal einen Artikel über Chemotherapie geschrieben habe. Dafür interviewte ich einen Experten. Dieser meinte, niemand müsste heutzutage noch Angst vor dieser Therapie haben. Seine Ausführungen waren nachvollziehbar und schlüssig.

Vor Beginn meiner Behandlung habe ich mir meinen Text dazu noch einmal durchgelesen. Und noch immer mochte ich an die Worte des Arztes glauben. Doch wer selbst vor einem solchen Eingriff oder besser Angriff auf seinen Körper steht – denn nichts anderes ist es – der lässt sich davon nicht wirklich beruhigen. Ich traute meinen eigenem geschrieben Wort plötzlich nicht mehr. Welch Ironie.

Mit der Diagnose Krebs konfrontiert zu werden und zu erkennen, es geht an einem Chemo-Cocktail kein Weg vorbei, macht Angst. Große Angst. Also recherchiert man, was das Zeug hält. Ärzte werden ausgequetscht. Das Internet läuft heiß, Bücher und Broschüren bekommen Eselsohren. Kurz: Ich wollte mit jeder Nebenwirkung vertraut sein, mich auf die schlimmsten Eventualitäten vorbereiten. Ich habe Statistiken gewälzt, Studien gelesen und Vorbereitungen getroffen.

Alter Chemo-Hase

Heute nach 17 Wochen Therapie – ich bin schon ein alter Hase – muss ich meinem Artikel und meinem Experten Recht geben. Vor den Zytostatika muss niemand Angst haben. Durch die Begleitmedikamente und andere therapeutische Maßnahmen ist gut damit zu leben.

Der Haarausfall? Verkraftbar. Das Haar kommt hoffentlich wieder und für das halbe Jahr gibt es gute Möglichkeiten, den Kopf mit Perücken, Haarkränzen, Mützen, Hüten, Tüchern und Haarbändern schön zu gestalten.

Müdigkeit und Erschöpfung? Halten sich in Grenzen, wenn man den Rat der Ärzte befolgt: jeden Tag Bewegung und Sport im Freien.

Übelkeit und Erbrechen? Dank der Medikamente hatte ich damit selten Probleme. Tipp: Zucker während der Chemo weglassen. Der kann Übelkeit hervorrufen.

Zu den Hauptnebenwirkungen der Chemo gesellen sich noch ein paar lästige Zipperlein. Aber auch die lassen sich gut in den Griff bekommen.

Der Körper – das anpassungsfähige Wesen

Die ersten 3,5 Monate erhielt ich EC. Manche nennen den roten Medikamenten-Cocktail Red Devil. Ich nannte ihn Aperol Spritz. Die erste Woche war am härtesten, da der Körper plötzlich mit etwas konfrontiert wird, das er nicht kennt. Nach ein paar Wochen schien mir, jede einzelne Zelle hat sich an die Medikamente gewöhnt. Es ist erstaunlich, was der Körper so aushält und wie er sich den neuen Umständen anpasst.

Bei Taxol ist es das Gleiche. Die erste Woche war die schlimmste. Mir schien, dass das Paclitaxel sogar schlimmer ist als das EC. Mein Puls war bei sportlicher Aktivität sofort über 160, mein Herz raste auch im Ruhezustand. Nun hat sich mein Körper auch darauf eingestellt und siehe da, der Puls ist beim Joggen/ Walken fast nie über 160. Auch nicht beim Wandern.

Talk to my body

Die Krankheit treibt zudem bisweilen seltsame Blüten. So rede ich vor jeder Chemo mit meinem Körper. Ich sage ihm, dass er stark bleiben muss, dass wir das schaffen und dass alles gut wird. Dass wir Knötchen bald zur Adoption geben, es ein neues Zuhause finden wird. Ich rede vor allem mit meinem Herzen, da es durch die Chemo stark angegriffen wird. Und ich gehe dann auf Zellebene. Spreche mit meiner Abwehrtruppe.

Interessanterweise habe ich erst gestern einen Artikel darüber gelesen, dass man wohl seinen Gesundheitszustand mit dem Reden-mit-den-Zellen beeinflussen kann.

Your cells are listening

Ich weiß, dass das ziemlich abgehoben klingt. Aber: Ich bin ein Freund der Quantentheorie – womit sich das hervorragend verargumentieren liese. Außerdem: Alles was nicht schadet … Also! 😉

Zudem habe ich mit dem Meditieren angefangen. Einmal am Tag 15 Minuten einfach mal an nichts denken. Das tut echt gut.

Körper, Geist und Seele

Nun kommt der nächste Schritt: Ich habe mich in psychotherapeutische Behandlung begeben. Ich will die Krankheit ganzheitlich angehen. Körper, Geist und Seele müssen ins Lot gebracht werden. Dazu gehört eben auch, mit der Vergangenheit ins Reine zu kommen und sich selbst besser kennenzulernen. Für die Bewältigung der Krankheit ist dies wichtig, denke ich.

Die erste Stunde habe ich schon gehabt. Das Erstgespräch mit dem Psychologen war sehr aufschlussreich. Dabei ist mir klar geworden: Es ist eine Sache, Psychologie studiert zu haben, eine andere mit einem Therapeuten über sich zu reden.

Zu den seltsamen Blüten meinte meine Freundin Kati einmal, dass ich in einem Jahr sicher nicht mehr die Selbe bin. Sie glaubt, dass ich viel mehr esoterisch angehaucht durchs Leben wandeln werde. Wohin mich der Weg führen wird? Ich bin gespannt.

 

 

 

 


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