Sätze, die ich nie wieder hören will

Leute, ich weiß, dass es alle nur gut mit einem meinen. Dass viele nicht wissen, was sie sagen sollen, wenn sie hören, dass man Krebs hat. Aber es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von gutgemeinten Sätzen, die ich nicht mehr hören kann. Weil sie, so lieb gemeint sie doch sind, immer wieder zeigen, dass viele sich nicht vorstellen können, wie es in einem aussieht. Was man fühlt und denkt. Und damit können sie auch Entscheidungen, die man für sich selber trifft, nicht nachvollziehen und argumentieren dagegen.

Hier ein paar Beispiele und ich bitte darum, dass niemand hinterher sauer oder traurig ist, weil er es schon zu mir gesagt hat.

„Das wird schon wieder“

Das soll ermutigen, aber entbehrt völliger Logik. Es wird schon wieder, klingt verharmlosend. So als hätte ich Liebeskummer. Ich habe aber Krebs. Die Situation ist wie sie ist: ernst. Und niemand, auch nicht die Ärzte, können eine sichere Prognose abgeben. Es gibt Statistiken ja, aber jeder Krebsverlauf, jede Therapie ist anders. Und was überhaupt soll wieder werden? Es verändert sich alles. So ist das.

„Deine Haare werden so schön wie vorher“

Ähm, nein. Ich hatte wunderschönes, volles Haar. Glänzend und in einem tollen Braunton. Viele Mädels haben mich darum beneidet. Nun sind die Haare weg. Und sie werden nicht mehr so aussehen wie vorher. Zumindest nicht die nächsten Monate. Denn die Zytostatika schädigen die Haarwurzeln. Und es gibt Fälle, da kommen die Haare nicht wieder oder es bleiben kahle Stellen.

Niemand weiß, wie das Haarwachstum im individuellen Fall aussehen wird. Und ich kann bereits jetzt sagen: Das Post-Chemohaar ist nicht besonders schön. Es ist Haar, aber mausgrau, teilweise weiß, ganz pappig und zottelig. Es wächst noch nicht gesund. Es wird noch dauern, bis die Haare ansatzweise gesund sein werden.

„Denk positiv!“

Was bitte mach ich denn sonst???!!! Ich schaue optimistisch in die Zukunft, nur in die nahe zwar aber optimistisch. Nichtsdestotrotz möchte ich dennoch ab und an mal traurig sein dürfen. Einfach nur zuhören reicht.

„Es gibt Patientinnen, denen geht es schlechter als Dir“

What? Was soll das heißen? Soll das aufmuntern? Über diesen Spruch war ich mega sauer. Ich wollte mit dieser Person auch erst mal nicht mehr reden und zog mich zurück. Weil es kein Trost ist, dass es anderen Frauen schlechter geht. Und weil es meine Situation zu verharmlosen scheint. Weil es vergleicht (Ich mag keine Vergleiche.) und überhaupt nicht hilft. Weil ich im nächsten Augenblick vielleicht doch noch eine fiese Nebenwirkung bekommen kann. Weil ich trotz allem noch viele schwere Entscheidungen treffen muss.

Und weil es heißt: Ich darf kein Mitleid mit mir selbst haben, wo ich doch ein halbes Jahr lang keines hatte. Ich darf nicht auch mal jammern? Bitte, ist das dein Ernst? Ihre Antwort: „Nein, ich habe kein Mitleid mit Dir. Weil es Dir so viel besser geht als anderen. Meine Tante hat seit zehn Jahren Krebs. Und Du weißt nicht alles über Krebs.“ Letzteres stimmt, habe ich auch nie behauptet. Aber ich weiß viel über meinen Krebs und dass man nicht von sich auf andere schließen kann, was die Prognosen betrifft. Und das macht mir eben ab und an Angst.

„Natürlich verlieben sich Männer auch in Krebspatientinnen“

Vielleicht. Einer von 80 Millionen. Es gibt immer positive Beispiele für alles. Aber sind wir doch mal ehrlich: Krebs assoziieren noch immer ganz viele Menschen mit dem Tod. Krebs ist keine Grippe, die man aussitzt. Krebs ist auch keine Warze, die sich entfernen lässt und es ist auch kein gebrochener Knochen, der wieder zusammenwächst. Krebs ist ein Stigma. Krebs wird immer ein Teil meines Lebens sein. Auch sichtbar. Will ich das bei einem ersten Date erwähnen? Oder beim zweiten? Sagt man es zu spät, ist es auch irgendwie falsch.

Es ist eine Bombe, wie ich so schön sage. Eine, die Angst macht, eine die verschreckt, eine die Verantwortung fordert. Und nach meinen Erfahrungen im Single-Dasein ist es ohnehin schwer, jemanden mit Rückgrat und Verantwortungsbewusstsein zu finden. Ganz zu schweigen von Einfühlungsvermögen. Nicht dass ich das generell den Männern absprechen will. Doch dazu bedarf es des richtigen Kennenlernens.

Hier in München sind die meisten nach dem ersten Date schon weg, weil ein Punkt in der Wunschliste nicht erfüllt ist und/ oder weil ja jemand Besseres kommen könnte. Ein richtiges Kennenlernen ist somit schwer. Also möchte ich derzeit wenig Gedanken daran verschwenden und konzentriere mich lieber auf mich und meine Freunde. Und wenn ich damit im Reinen und glücklich bin, warum andere nicht?

„Warte doch einfach ab. Du weißt nicht was die Zeit bringt. Vielleicht kommt morgen der Traumprinz und Du entscheidest neu.“

Dies musste ich mir anhören, als ich mich gegen Kinder entschieden habe. Eine klare Entscheidung für mich, weil ich mich mehr liebe, als den Kinderwunsch. Und weil ich keine Risikoschwangerschaft möchte. Ich habe Krebs. Ich möchte ihn besiegen. Er soll nie wieder kommen.

Ich bin jetzt 39 Jahre alt. Will ich meinen Körper mit sagen wir mal 40/41 Jahren, denn vorher sollte ich nicht schwanger werden, den Strapazen einer Schwangerschaft aussetzen? So kurz nach Ende der Therapie, denn die geht noch mindestens ein halbes Jahr. Nein. Hätte ich Angst, dass der Krebs während einer Schwangerschaft zurückkommt? Ja. Ist das Risiko einer Behinderung fürs Kind gegeben? Ja, schon allein meines Alters wegen.

Also, eine ganz klare Entscheidung. Diese zu treffen war hart. Sie hat mich ein paar Tränen gekostet. Aber sie ist für mich richtig. Basta. Und by the way: Will ich mich mit einer Partnersuche auch noch stressen? Nö.

Einfach mal nichts sagen

Egal wie viel Resilienz (darüber in einem späteren Blog mehr) in mir steckt und wie bewundernswert das viele finden mögen, die Diagnose bleibt. Mein Leben lang. Und das wird sich mit einem hoffentlich bald „cancer free“ nicht ändern. Denn es ist was es ist: Krebs.

Krebs ist nicht nur das Damoklesschwert, das nun für alle Zeit über meinem Kopf schwingt. Er ist ein Prozess. Schmerzhaft in vielen Dingen und einschneidend. Vor allem aber ist sein Ausgang ungewiss.

Deshalb an alle gutgemeinten Wort- und Ratgeber: Einfach mal zuhören, Fragen stellen oder nichts sagen. Das reicht schon. 😉

An dieser Stelle möchte ich aber auch erwähnen, dass die meisten Menschen in meinem Umfeld und vor allem meine Freunde mit mir großartig umgehen. Sie packen mich nicht in Watte, integrieren mich in ihren Alltag, behandeln mich wie immer. Ich werde geliebt und ich liebe. Das gibt mir viel Kraft und Halt. Ich weiß, das ist nicht selbstverständlich und deshalb bin ich dafür sehr dankbar.

Im nächsten Blog dann etwas zu Sätzen, die ich liebe und die im letzten Jahr wegweisend waren.

 

Advertisements

2 Gedanken zu “Sätze, die ich nie wieder hören will

  1. Ein Satz, den eine Bekannte von ihrem Chef zu hören bekam, als sie um mehr Urlaubstage bat: Seien Sie doch froh, dass Sie den Krebs überlebt haben.
    Die Menschen haben einfach keine Ahnung, was die Krankheit verändert, physisch wie psychisch. Und ganz gesund wird man doch nicht. Die angst wird immer bleiben.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s