Gespräch mit dem Chirurgen

„Jetzt schreiben Sie erst einmal etwas Schönes“, mit diesen Worten entließ mich am Montag Chirurg 1 aus meinem Termin. Ich musste lächeln. Es war eines von diesen fragenden Lächeln. Ein verschmitztes, wo man die Augenbrauen (ja, ich habe wieder Augenbrauen) nach oben zieht und ein Auge leicht zusammenkneift. Eines das meint, vielleicht etwas gecheckt zu haben.

Möglicherweise liest er hier mit, möglicherweise kennt er meinen Blog – vielleicht nur vom Erzählen. Was auch immer diese Subtilität zu bedeuten hatte, er hat Recht. Nach meinem Gespräch mit ihm kann ich über etwas Positives schreiben. Nämlich den Termin mit ihm.

Das schlimmste Wochenende meines Lebens

Um diesen hatte ich gleich noch am Freitag gebeten. Warum? Weil mein Gespräch mit der Stationsärztin ziemlich schlecht gelaufen ist. Weil Dinge m. E. nach falsch dargestellt bzw. interpretiert und auch wichtige Details einfach weggelassen wurden. Weil ich ein ganzes Wochenende mit vielen Fragezeichen im Kopf verbrachte. Weil ich Heulattacken hatte und mich allein nicht wieder beruhigen konnte.

Denn wenn ich eines über mich ganz sicher weiß, dann dass mich in solchen Situationen nur Wissen beruhigt. Nur dann kann das mit der Resilienz funktionieren. Und nur so konnte ich bisher alles in meinem Leben meistern. Und glaubt mir, da waren viele große und dunkle Steine im Weg.

Ich bin kein Kopfmensch. Im Gegenteil. Aber wenn es um wichtige Dinge geht, dann muss ich alle meine Fragen beantwortet bekommen. Ich muss die Fakten kennen, um eine Strategie zu entwickeln.

Und diese sollten in Bezug auf die Gesundheit nicht unbedingt von Dr. Google oder einem meiner Medizinbücher daheim kommen. Sondern vor allem von einem kompetenten Arzt. Das heißt nicht, dass es auf alle Fragen Antworten geben muss. Aber Sachverhalte müssen gut dargestellt, Fragestellungen erörtert werden. An dieser Stelle danke Herr Chirurg 1, dass das gut geklappt hat.

Alle Fragen geklärt

Zum Gespräch hatte ich Susann mitgenommen. Sie hat auch Brustkrebs, einen anderen. Sie kennt sich also gut mit der Materie aus und ist obendrein nicht auf den Mund gefallen. Nur für den Fall, dass ich vor lauter Aufregung nicht richtig denken kann oder vergesse, wichtige Fragen zu stellen.

Chirurg 1 hat mir meinen Fall am Montag ausführlich erklärt und sich dafür eine ganze Stunde Zeit genommen. Er erklärte, dass er ganz viel Gewebe entfernt hat: 4,5 x 5,3 x 2,8 Zentimeter. Wow, dann habe ich das doch richtig gelesen, als ich den Befund am Freitag daheim in den Händen hielt. Ich hatte mich schon gefragt, wie das gehen soll, denn man sieht diesen riesigen Volumenverlust nicht. Natürlich ist meine Brust noch etwas geschwollen und damit etwas größer als die andere, die gesunde. Es fällt einfach nicht auf, dass so viel fehlt. Deshalb konnte ich mir diese Werte von alleine auch nicht zusammenreimen.

Chirurg 1 meinte, dass das eben die Kunst des Operateurs ist, das so hinzubekommen, dass die Brust nichts an ihrer Größe verliert. Dabei hatte er ein fettes Grinsen im Gesicht. Einmal Schulterklopfen bitte. Weil er das wirklich super hinbekommen hat, sofern ich das selbst und so kurz nach OP beurteilen kann. 🙂 Er war von seiner Arbeit auch mächtig begeistert.

Neue Erkenntnis: Meine Brust ist ein Guglhupf

Also, wie gelingt das optisch überhaupt? Man müsse sich das wie bei einem Guglhupf vorstellen, dem man ein Stück klaut. Damit keiner den Diebstahl bemerkt, müsse man solange alles hin und her und zusammen drücken, dass am Ende der Guglhupf aussieht, wie frisch gebacken. Oooookayyyy ….

Diese Neuigkeit ließ mich auch gleich nach dem Satelliten fragen. Ja, er hat ihn entfernt, sagte er. Deshalb sei auch so viel Gewebe entnommen worden. Gott sei dank!!!

Nun zur nicht so tollen Nachricht: Im entnommen Gewebe wurden noch vitale Tumorzellen gefunden und zwar in Lymphgefäßen bzw. Gewebe. Das hatte ich schon selbst herausgefunden. Ihr erinnert Euch: Am Freitag hieß es noch tote Zellen!!! Ich wollte nur noch einmal daran erinnern.

Okay, weiter. Die vitalen Tumorzellen hat man mit dem Gewebe entfernt. Man könne aber nicht sagen, ob nicht irgendwo noch Zellen sind. Es kann sein, dass mit dem entnommenen Gewebe alles raus ist, es kann aber auch sein, dass an irgendeiner weiter entfernten Stelle im Lymphsystem Zellen sitzen.

Keine Mastektomie

Da das Lymphsystem den ganzen Körper durchzieht, mache es wenig Sinn, aus Sicherheitsbedenken die Brust zu entfernen. Angst operiere Chirurg 1 nicht. Und die Angst ist jetzt das, woran wir arbeiten müssen, sagte er sehr eindringlich.

Er erklärte auch, dass wohl jeder Mensch Tumorzellen in sich trägt. Nur müssen diese nicht zu einem Tumor führen. Einige würden den programmierten Zelltod sterben, andere würden von der Immunabwehr eliminiert und dann gibt es noch die, die schlafen. Ja, ich erinnere mich. Zur Biologie von Tumorzellen habe ich einiges gelesen.

Fakt sei, dass ich einen sehr ungewöhnlichen Tumor hätte. Meine Heilungschancen bzw. Überlebenschancen hätten sich aber nicht verändert. Sieht also alles weiterhin gut aus, so weit man das sagen kann. Ich darf optimistisch bleiben. Susann meinte dazu: „Es werde Licht“. 🙂

Guter Heilungsverlauf nach OP

Der Doc riet mir zur Strahlentherapie ohne zusätzliche Maßnahmen. Außer Herceptin. Aber das bekomme ich ja seit August und noch ein halbes Jahr. Die Lymphbahnen würde er keinesfalls bestrahlen lassen, da das Gewebe fibrosieren kann. Und der Lymphknoten ist ja entfernt worden. Wegen einer Krebszelle im Lymphknoten würde er weitere Körperstellen keiner zusätzlichen Bestrahlung aussetzen.

Zum Schluss schaute der Arzt noch auf meine Narbe. Wie mein Physiotherapeut ist auch er der Ansicht, dass sie super aussieht für zwei Wochen nach der OP. Dann punktierte er noch meine Brust. Autsch. Ich hatte ein ziemlich großes Hämatom. Das musste behandelt werden. Susann hielt mir die Hand. Die Arme. Danach ging ich mit viel neuem Wissen und weniger Angst aus der Klinik.

Das Gespräch tat richtig gut. Weil sich der Arzt Zeit genommen und Empathie gezeigt hat. Weil er alles verständlich erklären konnte. Ein gutes Arzt-Patienten-Verhältnis ist so wichtig, insbesondere mit einer Diagnose wie Krebs.

 

 

 

 

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8 Gedanken zu “Gespräch mit dem Chirurgen

  1. Hi,
    Mann, jetzt bin ich ziemlich beruhigt. Habe übers Wochenende mit dir mitgelitten und viel an Dich gedacht und die Daumen gedrückt! Ich musste damals nur 2 Stunden zwischen dem Gespräch mit der Stationsärztin (Oberarzt Dr. X will das pathologische Ergebnis unbedingt persönlich mit Ihnen besprechen (aus meiner damaligen Sicht leidender Blick)) und dem Gespräch mit dem Oberarzt (Pathologisches Ergebnis super) warten. Mein Kopfkino kannst Du Dir aber vorstellen. Vor allem da der Tag mit der Nachricht einer weiteren notwendigen kleinen OP angefangen hatte…
    Ich Drück Dir weiterhin die Daumen. Lass es Dir gutgehen und weiterhin gute Besserung!

    Viele Grüße

    Gefällt 1 Person

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