Auf Kur mit Greisen – der erste Tag

Leute, Leute, Leute. Gestern bin ich in der Reha-Klinik angekommen und war zunächst schockiert. Hier gibt es fast nur alte Menschen. Nur das Personal, eine handvoll Patienten und ich sind jünger als 60. Schon beim Blick in die Eingangshalle strahlten mir graue Köpfe und Glatzen entgegen. Oh weia, dachte ich. Nicht, dass ich etwas gegen alte Menschen habe. Gar nicht. Nur ein paar Patienten in meinem Alter wären eben schön.

Mein positives Selbst sagte: abwarten, Mäuschen, abwarten. Irgendwo muss es noch junge Hühner wie mich geben. Doch die Hoffnung auf ein paar faltenfreie Nasen war spätestens beim Mittagessen dahin. Schon am Eingang des Speisesaals stapelten sich die Rollatoren und im Saal die Hundertjährigen.

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Mein Gesicht muss wohl Bände gesprochen haben, weil mich eine Dame ansprach und meinte, dass ich ihr leid tue. Ihre Kollegin, 24 Jahre alt, wäre auch hier gewesen und vollkommen alleine unter den alten Hasen.

Die wenigen Frauen und Männer, die zwischen 50 und 60 Jahre alt sind, waren schnell auszumachen. An den gefärbten Haaren. Zwei handvoll Leute – und die saßen auch alle zusammen. Die Bedienung hatte daher ihre liebe Not, mir einen festen Essplatz zu suchen. Nachdem ich einen Tisch in der hintersten Ecke, besetzt mit alten Damen, abgelehnt hatte, wurde es ein Tisch in der großen, lichtdurchfluteten Halle mit drei betagten Herren.

Alle drei Kardio-Patienten. Ich glaube, die sind ganz verzückt, ein junges Huhn als Tischnachbarin zu haben. Zumindest schnattern die genauso viel wie Frauen. Und ihre etwas dunkel unterlaufenen Äuglein strahlen immer so, wenn sie mich sehen. Selbst die leicht fahle Haut des Herren links von mir bekommt dann etwas Farbe. LoL 😉

Auf nach Isny und Durchatmen

Nach so viel Kulturschock auf einmal, Aufnahme und Anamnese bin ich dann erst mal in die Stadt gelaufen. Frische Luft tut gut. Und bringt auch immer meinen schwarzen Humor zum Glänzen. Und so habe ich ein paar Telefonate geführt, Nachrichten geschrieben und mein Entsetzen wich langsam dem alten bekannten Schalk. Gott sei dank. Meine Laune stieg wieder. Am Abendtisch wurden die Gespräche daher auch ganz lustig. Ja, ja, die lieben Herren …

Nach dem Abendbrot bekam ich noch meinen Therapieplan per Hauspost. Verdammt. Den müssen wir noch überarbeiten. Die Hälfte davon besteht aus Vorträgen zur Ernährung bei Krebs und Infos zu Krebs. Das brauche ich ja nun wirklich nicht. Bei dem, was ich schon alles weiß durch Recherche, Beratungen im Präventionszentrum – und durch meinen Job…

Das ließ mich gestern stark daran denken, was mir mein Arzt riet. Ich solle mir das genau überlegen mit der AHB. Ich sei zu klug und zu informiert für sowas. Besser wäre ein Urlaub und dort solle ich mir einen Therapeuten suchen. Und was den ganzen Krebskram angeht, hat meine Psycho-Onkologin gesagt, ich solle jetzt endlich mal loslassen. Mich nur auf die Rehabilitation konzentrieren. Den Kopf freibekommen. Also keine Krebsvorträge.

Nun, am Montag wird über den Plan geredet werden müssen. Da gibt es ohnehin auch andere Unstimmigkeiten. Wie etwa das mit der Lymphdrainage, die ich dringend benötige. Die soll ich erst ab Mittwoch erhalten und nur zwei mal wöchentlich. Zudem sind an mehreren Tagen die Termine ab 7 Uhr in der Früh angedacht, so dass ich es noch nicht mal zum Frühstück schaffe. Grrr.

Tolle Klinikangestellte

Nun zum Guten hier. Die Mitarbeiter sind mega, mega freundlich, zuvorkommend und hilfsbereit. Da gibt es gar nix zu meckern. Mein Zimmer ist ganz gemütlich, ruhig und die Nachbarn sind leise.

Das Essen ist okay, wobei ich aber am Montag das für mich anpassen lassen will und zwar auf Bio-Kost. Seit ich Krebs habe, esse ich nur noch Bio. Ich möchte das gerne so beibehalten. Es hatte Gründe, weshalb ich das mache.

Die Gegend hier ist wirklich schön, die Luft herrlich und es wird langsam Frühling. Außerdem wohnt meine liebe Freundin Caro nur 50 Kilometer entfernt bei Bregenz. Also geht es heute an meinem freien Tag an den Bodensee. Juchuu. Mal sehen ob ich auch mit Linda ein Treffen schaffe. Sie wohnt nicht weit weg. Bei Konstanz. Und in paar Tagen gibt es hier einen Ausflug nach Mainau. Linda liest das hier sicher. *WinkmitdemZaunpfahl*  😉


2 Gedanken zu “Auf Kur mit Greisen – der erste Tag

  1. War letztes Jahr auch in Isny, aber AHB wegen Herzinfarkt. Nach AHB bekam ich die Diagnose Brustkrebs. Nun werde ich laufend auf eine AHB nach Brustkrebs angesprochen. Habe aber immer noch die Nase voll von Isny so das ich dankend auf eine AHB verzichten werde und mit meinem Mann einen schönen Urlaub verbringen möchte ohne Vorträge über Krebs und ohne ständige Arzttermine. Ich glaube das es uns dabei besser gehen wird als in einer AHB.

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