Eine Typologie der Reha-Patienten

Wie bereits angedroht, gibt es heute einen Blog zur Typologie der Reha-PatientInnen. (Wie ich diese Genderfizierung doch „mag“.) Man muss es mir verzeihen, aber ich schreibe lieber, so wie ich es will und wie es der Duden erlaubt. Das liest sich sonst bescheiden.

Also, heute wird das ein Blog über mein Schubladendenken in der Reha. Dort nämlich versammeln sich alle Teile der Gesellschaft. Naja fast. Und es war interessant, manchmal leider auch irritierend, zu beobachten, wie menschliches Verhalten funktioniert und wie es sich äußert.

Ich fühlte mich an meine Studienzeit erinnert, wo wir das dezidiert analysiert und kategorisiert haben, mit interessanten Thesen unterlegt. Aber so weit will ich nicht gehen. Das würde den Rahmen meines Blogs sprengen. Also bleibe ich bei den Schubladen und möchte anmerken, dass ich mich selbst zu einigen der nun hier aufgeführten Typen zähle. 😉

Der Entertainer

Ein Tag ohne ihn auf Reha wäre ein verlorener Tag. Der Entertainer hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Er unterhält sein Publikum vortrefflich – meist ich-bezogen. Das wiederum lässt den Rest der Reha-Typen für kurze Zeit die eigene Krankheit und alles was dazugehört vergessen. Auch das Klinik-Personal wird vom Entertainer gut unterhalten. Nur ab und an wird sein Unterhaltungsprogramm etwas zu viel. Dann möchte man auf einen Knopf drücken und ihn kurz ruhig stellen. 😉

Der Besserwisser

Im allgemeinen Reha-Klinik-Sprachgebrauch wird er auch der Klugscheißer genannt. Er weiß alles besser. Insbesondere meint er, es viiiiel besser als seine Ärzte zu wissen. Möglich, dass das manchmal stimmt. Mit seiner lauten Art aber tönt er seine Besserwisserei durchs Haus und stellt damit die gesamte Einrichtung in Frage.

Der Drache

Wer den Drachen am Esstisch sitzen hat, hat nichts zu lachen. Am Morgen vermiest er seinen Tischnachbarn Kaffee und Frühstücksei, am Mittag den Braten und am Abend den Salat. Er motzt und kotzt. Er flucht und schimpft. Über sein Leben, die Ärzte, die Klinik, den Tag, den Fussel auf dem Rock, den Nachbarn aus Italien. Ja, der Drache ist bisweilen latent ausländerfeindlich. Die Mundwinkel nach unten gezogen, die Lippen zu einem dünnen Schlitz verzogen, den Blick über der Brille verkrampft.

Der Kummerkasten

Diese Spezies kann einem wirklich leid tun, besonders in Reha-Einrichtungen. Männer wie Frauen, die ihre Krankheit zelebrieren wie ein Fest, zieht der Kummerkasten nahezu magisch an. Weil er sympathisch ist, nett und lieb. Heuler, Schimpfer, Besserwisser, Drachen – sie alle laden all ihren Müll bei ihm ab. Zum Leidwesen des Kummerkastens, der ja auch sein Säcklein zu tragen hat.

Der Eloquente

Er möchte sich gut unterhalten. Auf hohem Niveau. Er ist Gentleman, gebildet, weise und großmütig. Der Eloquente freut sich, wenn er in der großen Masse zwei, drei Personen findet, denen er vortragen kann und mit seinem Wissen bereichern. Der Eloquente ist wirklich lieb. Ich mochte ihn gerne um mich.

Der Spion

Der Neugierige schleicht sich gerne von der Seite an, um Gespräche zu belauschen. Seine rote Nase verrät seine Sucht. Nach Alkohol, nach Geschichten, nach Klatsch und Tratsch. Wie ein Agent robbt er sich von hinten an, stellt rhetorischen Fragen, quatscht blöde. Nahezu in jeder Ecke taucht der Spion auf. Und ehe man sich versieht, steht man im Mittelpunkt des gesamten Reha-Gossip.

Der Stumme

Der Reha-Patient ohne Worte ist schwer zu knacken. Am Anfang schaut er missmutig, sagt kein Wort. Er scheut die Kommunikation. Sein Gesicht wirkt fahl, sein Blick ist starr. Dem Stummen aber ist beizukommen. Mit viel Herz und Humor. Dann taut er auf und sein Gesicht erwacht. Hach.

Der Pflichtbewusste

Mitunter einer meiner liebsten Reha-Typen ist der Pflichtbewusste. Auch wenn es ihm nicht schmeckt, er hält sich an den Rat der Ärzte. Er arbeitet seinen Plan ab, isst nur was vorgeschrieben ist und erntet Erfolg. Nach drei Wochen hat er sein Ziel, fitter zu werden und abzunehmen, erreicht. Er behält sich seinen Humor und hinterfragt Therapien und Verordnungen trotz alledem kritisch.

Der Coole

Sehr selten in der Klinik anzutreffen ist der Coole. Sein Humor ist so trocken wie das Knäckebrot am Buffet. Er liebt es, intelligente Witze zu reißen und nimmt kein Blatt vor dem Mund. Der Coole ist schlagfertig und lässt sich von fast nichts beeindrucken. Seine Krankheit hat er voll und ganz akzeptiert. Er macht das Beste daraus. I like it.

Der Stinker

Leider trifft man den Stinker öfter an als beliebt. Seine Witterung ist schnell aufgenommen. Kommt ein Lüftchen um die Ecke, sollte schnell die Flucht ergriffen werden. In seiner Nähe nämlich ist es kaum auszuhalten. Noten von altem Schweiß erinnern an fäkale Unfälle. Besonders schlimm: Der Stinker geht in den gleichen Kurs. Zum Aqua-Jogging. Kann sich jemand vorstellen, wie schnell ich im Wasser joggen kann???

Das Ferkel 

Leute gibt’s, das kann und will sich niemand vorstellen. Das Ferkel ist so eine Person. Es desinfiziert sich nicht die Hände, bevor es zum Buffet geht. Das Ferkel greift sodann genüsslich zu Bananen und Brot, ohne die Zange zu benutzen. Manchmal niest das Ferkel zuvor auf seine Hand. Oder sogar dem Tischnachbarn aufs Essen, ohne sich zu entschuldigen. Es ist auch schon vorgekommen, dass das Ferkel den Buffet-Löffel vom Mousse au chocolat abschleckt. Eine Oma, die das Getier dabei beobachtete, bekam daraufhin Herpes.

Der Hilfsbreite

Ich mag den Hilfsbereiten sehr, weil er zur Stelle ist, wenn er gebraucht wird. Etwa bei einem drohenden Marder-Nest im Auto. 😉 Der Hilfsbereite hat das Problem im Blick und steht mit Rat und Tat parat. Er ist ein wirklich netter Mitmensch.

Es gibt noch viele weitere Reha-Typen, die mir über den Weg gelaufen sind. Und wie gesagt, ich zähle mich selbst zu einigen davon. Ich hoffe auch, dass alle, die das hier lesen, den Text mit Humor nehmen. Auch wenn sie sich selbst in dem ein oder anderen Typen erkennen. 😉

 

 

 

 

 

 


2 Gedanken zu “Eine Typologie der Reha-Patienten

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