Die Wahrheit über die Remission

Über das Thema Krebs und das Danach habe ich in der letzten Zeit viel nachgedacht und gelesen. Und ich habe mich mit vielen Betroffenen unterhalten. Unser Eindruck ist, dass die Leute um uns herum, die krebsfrei sind, denken, nach der Therapie sei alles gut. Ich verzichte hier bewusst auf das wieder. Denn „wieder gut“ wird nichts mehr.

Bei Aussenstehenden überwiegt also der Eindruck, dass nach Chemo, OP und Bestrahlung alles auf Neustart steht. Der Krebs wurde erfolgreich zurückgedrängt. Ärzte sprechen von einer Remission. Jetzt könne man so einfach in sein altes Leben zurück. Doch dem ist bei weitem nicht so. So sehr ich mir das selber wünsche.

Life after cancer und cancerversary

Eine Bloggerin und Kämpferin, die ich sehr bewundere, bezeichnet das als neues Kapitel: „Life after cancer“. Dieses habe ich nun aufgeschlagen in meinem Buch des Lebens.

Manchmal möchte ich das Buch einfach beiseite legen und nicht weiterlesen. Die Zeit damit anhalten. Innehalten. Nachdenken nicht grübeln. Überlegen, wie ich die Seiten selbst gestalten kann, ohne dass das Kapitel ausschließlich vom Thema Krebs konstruiert wird. Ich möchte nicht nur Leser sein, ich möchte Schreiber und Designer sein.

Lasst mich das einmal klarstellen: Chemo, BET (brusterhaltende OP) und Bestrahlung haben mein Leben gerettet bzw. verlängert. Aber diese Therapien retten nicht nur Leben, sie haben auch verdammt viele und teils schlimme Nebenwirkungen. Einige zeigen sich sofort, andere erst Monate oder sogar Jahre später. Knochen können porös, Herz und Lunge nachhaltig geschädigt werden.

Durch Chemo und Bestrahlung können Betroffene sogar einen anderen Krebs bekommen. Würde ich eine Liste mit allen möglichen Nebenwirkungen erstellen, dann bekämen die meisten ihren Mund nicht mehr zu. Mir macht die Liste Angst. Viel Angst.

Für alles gibt es Statistiken. Manche Nebenwirkungen sind eher wahrscheinlich, andere weniger. Doch was sind Statistiken eigentlich wert? Obwohl es laut Statistik wenig wahrscheinlich war, dass ich ein Lymphödem bekomme, habe ich es nun. So viel also dazu. Es kann jeden treffen.

Wir Überleber müssen einen Weg finden, mit unserer Angst umzugehen. Wir hoffen, bangen und beten weiter. Dabei dürfen wir die Angst nicht zu groß werden lassen.

Überlebenswege

Ich habe gesehen, wie andere Überleber ihr Kapitel gestalten. Wie sie ihr Leben weiterleben. Einige sind wütend auf die ganze Welt. Sie bekommen ihre Wut nicht in den Griff. Die Wütenden verletzen sogar andere Betroffene, indem sie sich mit Krebsgleichen vergleichen, sie belehren und Statistiken zitieren. Sie versuchen sich dadurch besser zu fühlen. Verständlich. Aber es macht traurig.

Andere wiederum leben ein komplett anderes Leben als vor der Diagnose. Die Aussteiger. Sie schmeißen ihren Job hin, verlassen ihre Familien, ziehen in ein anderes Land. Manche machen keine Chemo, obwohl es die Ärzte raten. Ich hoffe, es geht ihnen gut. Wieder andere versuchen, beide Leben in Einklang zu bringen – davor und danach.

Ich favorisiere letzteres. Auch wenn ich selten mal wütend bin und am liebsten Aussteiger spielen würde. Letztendlich aber möchte ich der positive Mensch bleiben, der ich vorher war und das Leben leben, was ich vorher hatte – nur eben anders. Intensiver, glücklicher, nach innen zentrierter und nun ja, vom Krebs bestimmt.

Wege sind individuell

Dennoch: Kein Weg eines Überlebers gleicht dem eines anderen. Jeder hat seinen ganz eigenen. Meinen habe ich erst angefangen zu gehen. Er begann mit Ende der Bestrahlung. Die drei großen T’s waren vorbei: Chemo, Operation, Strahlentherapie. Die ersten Wochen waren sehr verwirrend. Ich hatte Angst, dass sich ein Loch auftut. Dass ich hineinfalle in das Dunkel, Depressionen bekomme. Ich kannte das ja schon mit Ende der Chemo. Da zeigte es sich kurz.

Wenn die Therapie vorbei ist, wenn die Ärzte einen loslassen, wenn man loslassen muss, geht das schwer auf die Psyche. Zum einen wollte/ sollte ich happy sein, dass es vorbei war. Aber die Heilsoße, wie ich die Zytostatika nannte, gab es nicht mehr. Kein Gift mehr gegen den Krebs. Das kann ganz schön fertig machen.

Nach der Bestrahlung war es ähnlich. Also suchte ich mir eine Psycho-Onkologin. Sie hilft mir wirklich sehr. Denn während der Therapien reicht die Kraft nur für das Wesentliche: Da so gut durchzukommen, wie es geht. Der Kopf kommt nicht richtig mit. Erst jetzt rattert alles – manchmal ganz schön viel. Ich habe nach all den Therapien mehr geweint als während. Etwas, das Aussenstehende nicht realisieren und vielleicht auch nicht ganz nachvollziehen können.

Ein Jahr Krebs

Der Jahrestag war auch so ein Tag. Ich bin innerlich ausgeflippt und es flossen viele Tränen. Ich hatte am 7. April cancerversary. Da hatte ich Knötchen vor einem Jahr selbst entdeckt. Die Diagnose kam am 19. April. An dem Tag, also gestern, war ich dagegen sehr ruhig. Ein Jahr ist das jetzt her. Ein Jahr kämpfen, stark sein. Man realisiert, wie sehr es das Leben verändert hat.

Es war ein schwieriges Jahr. Aber auch eines mit vielen schönen Erkenntnissen, intensiven Erfahrungen.

Wie geht es weiter?

Ich brauche derzeit viel Ablenkung und positive, nach vorne gerichtete Zeichen. Also habe ich mein komplettes Schlafzimmer verkauft und den Raum neu gestaltet. Danke noch mal an die Helfer!!!

Das mit dem Schlafzimmer hatte einen Grund. Eigentlich wollte ich nur einen neuen Schrank für meinen Flur. Doch so nach und nach wuchs die Idee, dass ein anderes Projekt viel wichtiger ist. Mein Schlafzimmer war die letzten Monate mein Krankenzimmer. Nach jeder Chemo habe ich mich schlafen gelegt, Leberwickel gemacht, relaxt. So schön die Möbel auch waren, ich habe sie verkauft. Auch weil sie zu viel Platz schluckten. Jetzt nach der AHB (Anschlussheilbehandlung) in einem komplett neuen Raum schlafen zu gehen, aufzuwachen und viel mehr Platz zu haben, ist einfach top. Es macht mich happy.

Und ich habe wieder mit Sport angefangen. Das ist aus mehreren Gründen wichtig. Zum einen senkt es das Rezidivrisiko – also das Risiko, dass der Krebs zurückkommt. Zum anderen bin ich körperlich schwach, richtig schwach. Noch nie habe ich mich so ausgepowert gefühlt in meinem Leben.

Mich plagen fiese Rücken- und Gelenkschmerzen. Am Morgen habe ich ein Gefühl, als hätte mich ein Zug überrollt. Meine Füße sind taub. Nachts schlafen mir die Finger ein, wovon ich aufwache. Und ich kann immer noch nicht länger auf einem Stuhl sitzen. Also fletze ich egal wo ich bin. Vermutlich kommt das alles vom Taxol. Ich hoffe, dass sich das durch stete moderate Bewegung in den nächsten Wochen den Griff bekommen lässt.

Ich bleibe stark, auch wenn der Schweinehund laut bellt, und ziehe mein neues Programm jetzt durch:

  • 30 Tage Workout (25 Min/Tag)
  • 2 bis 3 mal wöchentlich Joggen/Walken – je nachdem wie es geht
  • 1 mal wöchentlich Qigong
  • 2 mal wöchentlich Krankengymnastik
  • wenn möglich: Aqua-Gymnastik/ -joggen
  • mindestens 10.000 Schritte am Tag
  • Wandern wenn möglich
  • Außerdem: Lymphdrainage 3 x Woche

Zusätzlich erstelle ich mir einen neuen Ernährungsplan. Bei all den super Tipps, die die Ärzte und Therapeuten liefern, blicke ich irgendwann nämlich nicht mehr durch. All das umzusetzen ist schwer. Aber ich möchte es gern. Und dazu braucht es nicht nur Disziplin sondern auch ein paar gute Ideen. Bald dazu mehr. 😉

Advertisements

5 Gedanken zu “Die Wahrheit über die Remission

  1. Wow. Bin sprachlos… dein Post lässt tief hineinblicken und du sprichst aus der Seele – danke fürs Teilen!
    Ich gebe dir Recht, das alte Leben wird nicht mehr sein, aber es wird ein Bestandtteil von uns sein.
    Genau wie das Jahr der Therapien. Und nun das neue Leben. Keep going!
    Wir werden es lernen mit der Angst umzugehen! Ganz bestimmt.
    Ich freu mich dich heute beim Qi Gong zu sehen!
    Fühl dich feste umarmt! Du meisterst alles wirklich gut, Fabi – und ich freue mich sehr dich zu kennen!

    Gefällt 1 Person

  2. Boah, da habe ich einen derben Klos im Hals. Da ich gesund bin, kann ich mich nicht in deine Situation versetzen. Jedoch ist meine Mutter extrem betroffen. Knochenkrebs von den Beinen bis zur Schulter und macht auch eine Chemo mit. Man hat ihr jedoch gesagt, daß der Krebs bei ihr nicht heilbar ist und sie daran sterben wird. Ich drücke dir die Daumen und wünsche dir weiterhin alles Gute und viel Erfolg und Spaß bei deinem Sport!

    Gefällt 1 Person

  3. Du sprichst mir aus der Seele. Genau so emfpinde ich es auch. Und wenn mein innerer Schwinehund nicht wäre, dann wäre ich bestimmt auch etwas fitter, als ich es bin. Ich muss mich auch förmlich dazu zwingen etwas zu machen. Aber alles jammern nützt ja nix. Es ist so wie es ist.
    Und ich finde deine Stärke sehr bewundernswert, Ich lese deinen Blog sehr gerne. Alles Gute für dich. 🍀

    Gefällt 1 Person

  4. Was für ein Text- tief aus deiner Seele. Das mit den Sprüchen wie nach Ende der Chemo/Strahlentherapie fliegst du schön in Urlaub tankst Kraft und dann ist alles wieder gut.🤔
    kenne ich auch.
    Du gehst den richtigen Weg, hört sich für mich stimmig an….
    LG Angel🤗

    Gefällt 1 Person

  5. Wow, du bringst es ohne Umschweife auf den Punkt. Ich bin selbst betroffen und habe parallel zu dir den gleichen Ablauf mitgemacht. Nach Ende der Bestrahlung im Februar kam das tiefe Loch.
    Dafür braucht sich keiner zu schämen, wenn man mit der Psyche zu kämpfen hat. Ich habe mir Hilfe geholt und finde es überhaupt nicht peinlich. Aber aufgrund dessen habe ich keine AHB gemacht, da ich mir die vielen Krankheitsgeschichten, mit denen man während seines Aufenthaltes konfrontiert wird, ersparen wollte.
    Leider vergessen die “gesunden“ Menschen, dass wir mit den Nachwirkungen der Chemotherapie bzw. Bestrahlung zu kämpfen haben.
    Ich wünsche dir und allen Betroffenen ganz viel Kraft für den weiteren Weg. Auch wenn es hart ist, werden wir weiter kämpfen.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s