Angst – ein furchtbarer Wegbegleiter

Ich habe Angst. Sie ist mein ständiger Begleiter. Nicht erst seit Neuestem, manchmal ist sie ganz leise oder still. Momentan aber schreit sie ganz laut und plustert sich auf. Sie scheint derzeit groß und mit jedem Zipperlein, jeder Hiobsbotschaft und allem Unerklärlichen zu wachsen.

Ich habe Angst davor, dass der Krebs zurückkommt. Momentan mehr denn je. Ich denke, das hat verschiedene Gründe. Zum einen sind alle meine Anti-Krebs-Therapien jetzt abgeschlossen. Keine Heilsoße mehr, keine Strahlen, keine Anti-Körper. Alles was getan werden konnte aus medizinischer Sicht, wurde getan. Finito.

Das ist beängstigend. Und so bin ich heute auch mit einem lachenden und einem weinenden Auge aus der Klinik.

Viele Fragezeichen

Mental habe ich versucht, mich darauf vorzubereiten. Doch wirklich gut gelungen ist mir das nicht. In den letzten beiden Wochen wollte ich kaum daheim sein. Denn dann kommen sie, die Gedanken und mit ihnen das Monster Angst.

Es zwickt im Rücken. Sind das Knochenmetastasen? Ich huste am Morgen. Habe ich jetzt Lungenkrebs? Mit der Verdauung ist noch nicht alles in Ordnung. Im Gegenteil. Tumore im Dickdarm? Meine Leukozyten sind abgerutscht. Ist das ein Zeichen? Und wenn ja welches? Für Krebs?

Mein Hirn findet für alles eine logische Erklärung. Muskelschmerzen und Verdauung – Nebenwirkungen vom Herceptin. Husten – etwas Staub, der sich nachts ansammelt. 😉 Niedrige Leukos – ich übertreibe es mit dem Sport. Der Körper braucht mehr Eisen. Was ich ihm nicht groß gegeben habe. Aber die Symptome können alle auch für das Unaussprechliche stehen. Es verhält sich wie bei Schrödingers Katze. Jeden Tag überlege ich: Lebt sie oder nicht. Ein Gedankenkarussell dem sich bald mehrere Arztbesuche anschließen werden.

Denn langsam werde ich verrückt. Es macht mich kirre. Jedes Zwicken und Zwacken in der Brust, jeder Schmerz im Kreuz, jedes Tröpfchen Blut. Ich sehe Krebs – überall. Ich esse kein Palmfett, ich kaufe kein rotes Fleisch, ich nehme keine Kosmetikprodukte mit Paraffinen usw. Ich mache Sport, viel Sport. Mindestens fünf Mal in der Woche. Es soll das Rezidiv-Risiko um 30 Prozent senken. Außerdem macht er mir Spaß.

Doch wird mich das alles vor einem Rückfall bewahren? Wann kommt er zurück, wenn er zurückkommt? Wie viel Zeit habe ich? Dabei glaube ich doch so fest daran, dass da nichts mehr ist. Dass da nichts mehr kommt. Wie passt das zu meiner Angst? Ich finde darauf keine Antworten. Viele Nicht-Betroffene denken, man sei wieder gesund. Einige Menschen verstehen meine Ängste nicht. Viele wissen gar nicht, dass ich sie habe.Weil sie nicht ahnen, wie sich das anfühlt diese Damoklesschwert. Diese Klinge, die nun immer über dem Kopf baumelt.

Manchmal höre ich Sätze wie:

„Das wird nicht passieren.“

„So ein Quatsch. Völlig unwahrscheinlich. Du hast das so gut gemeistert.“

„Die Statistik spricht für Dich, weil …“

Die Gedanken kreisen

Ich weiß, dass sie es gut meinen. Dass sie einem die Angst nehmen wollen. Welch lieb gemeintes Ziel. Doch es funktioniert nicht. Weil die Erfahrungs-Ebenen verschieden sind.

Weil Nicht-Betroffene höchstens ansatzweise erahnen können, was die Diagnose Krebs (noch immer) bedeutet: Die Möglichkeit schneller abzudanken, als es einem lieb ist. Weil der Krebs Lebenszeit kostet in jedem Fall. Weil er Lebensträume zerstört. Weil er ein Arsch ist, eine böse Laune der Natur.

Krebs – den sieht man den Menschen heute mitunter nicht mehr an. Weil es neue Therapien gibt, die besser zu verkraften sind. Weil der Krebs sich versteckt unter Perücken und Masken aus Make-up. Hinter tollen Klamotten, unter Hüten und Mützen. Hinter einem breiten Lächeln und einer Portion kämpferischer Attitüde: „Das wird schon alles“.

Was Krebs und die Anti-Krebstherapien aber wirklich im Körper anstellen und mit der Seele machen, das kann keiner von außen sehen. Zum einen gut, denn manchmal will man einfach nicht, dass einem die Krankheit ins Gesicht geschrieben steht. Zum anderen schlecht, weil es so vieles übertüncht.

Schlechte News von anderer Seite

Dass ich mich momentan so ängstige hat sicher auch mit meinem Umfeld zu tun oder  mit den Menschen, denen ich durch meine Erkrankung begegne. Ich höre von traurigen Verläufen, von Rezidiven und lese von Verstorbenen. Sie sind oder waren jung, alt, schön und tapfer.

Meine liebe Freundin etwa, die ich auf der Reha kennengelernt habe. Eine süße kleine Maus. Intelligent, mit viel schwarzem Humor und so tapfer wie Jon Snow. Seit zwei Wochen beten und bangen wir. Heute kam das niederschmetternde Ergebnis. Mehr möchte ich darüber nicht erzählen. Nur so viel: Sie muss wieder kämpfen. Zum dritten Mal. Und dabei ist die Kleine erst blutjunge 27 Jahre alt.

Auch die nahende Wiedereingliederung macht mir Angst. Dass ich dem Arbeitsalltag nicht gewachsen sein könnte. Dass ich nicht zurückfinde ins Team. Dass man mich als Außenseiter sieht und mich schonen will. Oder das andere Extrem: Dass der Tag wieder voll Stress sein wird.

Ich habe auch Bedenken vor den Reaktionen meiner Mitmenschen, wenn ich zum hundertsten und einsten Mal erklären muss, weshalb ich bestimmte Dinge nicht tun kann oder mich verhalte, wie ich es eben tue: nicht in der Sonne sitzen, sich keinen akuten Temperaturschwankungen aussetzen, bestimmte Dinge nicht essen, keine schweren Sachen heben, nicht den Nebeldunst vom Raucher nebenan ertragen müssen, jedem hustenden Menschen aus dem Weg gehen … und, und, und.

Dieser heutige Blog ist ein Erklären. Ein: Ich habe Angst. Es macht mich fertig. Es macht mich wütend, grummelig und launisch. Das Risiko eines Rückfalls ist da. Es ist hoch in meinem Fall. Es ist real. Es ist viel wirklicher und realer, als mich heute noch unsterblich zu verlieben. Wenn ich also zu jemanden bitchy sein sollte in nächster Zeit, seht es mir bitte nach.

Jetzt brauche ich Ablenkung – und ein schönes Glas Rotwein. 😛

 

 

 

 


6 Gedanken zu “Angst – ein furchtbarer Wegbegleiter

  1. Liebe Vale, ich kann Deine Ängste absolut nachvollziehen; sie sind „normal“. Bei mir hatten die Humangenetiker, als sie den Brustkrebs bewerten wollten, ein defektes Darm-Gen entdeckt – sofort war mein Körper in Alarm und „spielte mit“ – nach einer Darmspiegelung stand fest: ich habe keinen Darmkrebs. Aber das war mein erster Gedanke. Ich habe seit zwei Wochen ein Ziehen in der Kniekehle: ich glaube, ich habe mindestens eine Thrombose oder eine Knochenmetastase. Der Arzt verneinte. Aber: es ist ok, lieber einmal mehr nachschauen zu lassen, das ist absolut verständlich nach unseren Vorbefunden. Die Angst ist, denke ich, unser permanenter Begleiter, aber man darf ihr nicht zuviel Platz einräumen, sonst wird das Leben unerträglich. Wenn wir nur noch Angst hätten, was alles passieren könnte, dürften wir auch nicht mehr auf die Straße gehen – aus Angst, dass ein Auto uns überfahren könnte 😉
    Es ist richtig, dass Du nicht in die Sonne gehst und auf Dich aufpasst, und dafür musst Du Dich nicht rechtfertigen. Was mir hilft – neben den Nachsorgeterminen, die ich regelmässig wahrnehme: ich ernähre mich jetzt sehr gesund, ich mache täglich Sport, ich reduziere meine Arbeitsstunden von 40 auf 36 (ich mache seit 2,5 Wochen Wiedereingliederung, das geht gut, meine Arbeit wird neu strukturiert, um den Stress zu reduzieren) – mit anderen Worten: ich beuge vor und tue alles, was ich von meiner Seite aus tun kann. Das hilft mir auch mental.
    Und: ich nutze die geschenkte Zeit intensiver und mache viele schöne Dinge. Ich schiebe nichts mehr auf.
    Wenn der Krebs trotzdem wiederkommen sollte, dann ist das Schicksal. Aber wird er nicht.
    Wünsche Dir alles Gute!

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  2. wow, du bist so unglaublich vorbildlich 💪 ich hab schon das gefühl ich wäre diszipliniert… abgesehen vom sport 🙈 …du sprichst mir aus der seele! dieses bescheidene gefühl. auch bei mir ist es immer mehr da. mein erstes jahr nach therapieende neigt sich dem ende zu. und die angst, dass bei der nächsten untersuchung was gefunden wird, wird eher größer als kleiner. und doch beruhigt es mich (leider) ungemein zu wissen, dass ich mit meinen ängsten nicht alleine bin und es wohl leider auch ’normal‘ ist. fühl dich gedrückt 💚

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  3. Die letzten 10 bis 15 Jahre meines Lebens haben mich geleehrt, das man Träume haben kann, ja natürlich auch konkrete Ziele und Pläne, aber gerade beide letztgenannten kontrollieren meist nicht wir, sondern das Leben.
    Gerne mal wirft es alles über den Haufen und was gestern noch weiß war ist heute auf einmal schwarz.
    Wir können das Leben nicht kontrollieren, es nicht in Häppchen zerlegen, die wir Stück für Stück erreichen oder erleben wollen. Und manchmal sollten wir uns vielleicht auch bewußt sein, das es fast anmaßend scheint, das wir oft davon ausgehend, das nun gerade uns ’sowas‘ ja nicht passiert.
    Wenn eines sicher ist, dann die Unsicherheit. Das Leben ist Veränderung und wenn auch manch eine schmerzvoll ist, so sind doch viele andere neue Wege und Türen zu wundervollen Erfahrungen.
    Ich glaube, das es wichtig ist, sich mit dem Loslassen auseinanderzusetzen. Denn gerade das Loslassen macht oft den Blick für das Neue frei.
    Du kannst Dich so gesund ernähren wie Du willst, die bestmögliche Anti-Krebs Lebensweise führen, wie Du nur kannst. Nie aber wirst Du Dir damit die Sicherheit erkaufen können, nicht doch wieder an Krebs zu erkranken. Oder schlimmer noch, an einem Autounfall zu sterben, der in Deiner Lebensführung nicht vorgesehen war.
    Und ist die stete Beschäftigung mit den besten Mitteln gegen Krebs nicht Ausdruck der starken Angst, die Du spürst? Und ist es nicht vielleicht auch ein davonlaufen vor ihr?
    Ich will keinesfalls behaupten, das daß, was Du gegen den Krebs tust falsch sei, im Gegenteil. Aber laß Dich doch mal auf Deine Angst ein. Laß sie zu und male Dir die schlimmsten Alpträume aus. Vielleicht wirst Du wimmernd am Boden liegen und Dir die Augen aus den Höhlen weinen. Aber möglicherweise zeigt sie Dir danach, das sie zwar immer ein Teil von Dir sein wird und manchmal auch erlebt, bzw. Durchlebt werden möchte, wie z.B. All die schönen Gefühle auch, aber sie möchte und soll nicht Dein Leben bestimmen.

    Das habe ich mir jetzt mal von der Seele schreiben müssen, als jemand, der Deinen Blog hin und wieder verfolgt und dessen Chancen auf ein Rezidiv in den nächsten drei Jahren einem Münzwurf gleichen. Und dessen Chancen, ein Rezidiv zu überleben eher schlecht stehen.
    Ja, ich habe manchmal Angst vor dem Krebs. Und ich fürchte mich auch manchmal vor dem ’normalen‘ Leben, das ich bald wieder führen werde…
    Und dann zünde ich mir eine Zigarette an und denke: Ich habe die letzten Jahre sehr viel schlimmes durchstehen müssen… Aber geschafft. Nun habe ich sogar noch den Krebs besiegt! Das langweilige Rentnerdasein erlebe ich vielleicht nicht mehr – sei’s drum. Aber was jetzt noch kommt kann nur leicht und schön werden, denn was soll mich noch schocken?!

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  4. Liebe Vale,

    danke für deine ehrlichen Worte…
    So wie es ist, können wir nur hoffen, kämpfen und annehmen, was das Schicksal uns bietet.
    Auch wenn es manchmal ein mieser Verräter ist… Deiner Freundin schicke ich alle Kraft um auch ein drittes Mal zu kämpfen und hoffentlich zu gewinnen!!

    Ich wünsche dir von ganzem Herzen Energie und Hoffnung NIE aufzugeben und die richtige. Menschen um dich, die dich stets stützen.
    Ich bin einer davon…
    Fühl dich umarmt liebe Kriegerin.
    ❤️❤️❤️ Susl

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