Mein Wunschkonzert

Nach dem Krebs möchte ich Streicher, einen Pianisten und Bläser. Ich möchte der Komponist sein für dieses Ensemble und auch ihr Dirigent. Ich will mir mein Leben gestalten, wie ich es mir wünsche. Ich will ein schönes Konzert. Ich will ein Wunschkonzert. Wird es mir gelingen?

Ich tue mein Bestes, um weg zu kommen vom Gedanken an den Krebs. Ich gehe wieder arbeiten und integriere mich in mein neues, altes Team. Nach drei Wochen fühlt es sich richtig gut an. Ich komme Step by Step zurück in mein altes, neues Leben.

Die Wiedereingliederung läuft also recht gut. Ich habe Artikel geschrieben, Interviews geführt, einen Live-Blog getickert. Ich liebe das. Das habe ich immer schon. Um so mehr hat es mich gefreut, für meine Arbeit gleich ein dickes Lob bekommen zu haben.

Es kam von einem Medienexperten, den ich als einen von drei anderen Experten für einen Artikel zum TV-Duell interviewte. Einmal lobte er per Mail und dann noch einmal am Telefon. Es hat mich gefreut.

Zu sehen, dass ich immer noch etwas leisten kann, macht mich glücklich. Mein Team zu unterstützen, macht mich happy. Allerdings: Bei 100 Prozent Leistung bin ich noch nicht. Noch lange nicht. Und sechs Stunden pro Tag  sind ziemlich anstrengend. Ich bin danach total platt. Müde. So müde. Ich will nur noch schlafen.

Ein Kollege stellte heute die These auf, dass das wohl auch bei jemanden so sei, der einfach mal ein Jahr nicht gearbeitet habe. Innerlich musste ich lachen. Der Vergleich ist nicht mal mehr Äpfel mit Birnen. Der Vergleich ist eher Proton und Molekül. Er hinkt so gewaltig, dass man einen Zyklon bräuchte, um die Fehlannahmen hinwegzupusten und das Ganze gerade zu stellen.

Einen gesunden Menschen, der mal einfach ein Jahr nicht gearbeitet hat, zu vergleichen mit einem der Chemo, OP und Bestrahlung hinter sich hat, ist wirklich nicht gut. Vom Posttraumatischen Stress mal ganz abgesehen oder all den Nebenwirkungen, mit denen wir Survivors leben müssen: Kognitive Beeinträchtigungen, Knochen- und Muskelschmerzen, schlechte Blutwerte, immer den Krebs im Nacken …

Ich mag Vergleiche sowieso nicht. Habe ich nie. Ich mache meinem Kollegen aber keinen Vorwurf. Das menschliche Gehirn ist auf Vereinfachung geeicht. Da wird in Schubladen sortiert und heruntergebrochen. Deswegen bin ich da nicht sauer.

Außerdem kann sich ein Nichtbetroffer nicht einmal ansatzweise vorstellen, was alles im Körper kaputt ist. Das wollen viele auch nicht, weil Krebs Angst macht. Weil man sich deswegen nicht unbedingt damit beschäftigen will.

Und von außen mag man uns jungen Krebs-Überlebenden die 1,5 Jahre Anti-Krebs-Therapien auch nicht unbedingt ansehen. Wir haben Make-up, schöne Kleidung und eine Ich-pack-das-schon-Attitüde. Oft bekomme ich gesagt: Du siehst richtig gut aus. Soll heißen: gesund. Ich mag das einerseits. Das mochte ich auch während meiner Therapien. Dass niemand mir den Krebs ansieht. Ich weiß, dass anderen Frauen das egal ist. Aber ich wollte deswegen von niemanden anders behandelt werden. Ein plötzliches Andersein ist schon an sich schwer. Dies gespiegelt zu bekommen, hätte ich wohl nicht ertragen. Und so will ich jetzt auch nicht Anderssein – obwohl ich es doch bin.

Mit diesem Thema befinde ich mich da ja selbst in einem inneren Konflikt. Und was soll ich dann auf solche Annahmen und Aussagen erwidern? Ich weiß es nicht. Zumindest will ich nicht immer irgendetwas erklären oder mit einem „Naja, aber …“ versehen.

Das passt nicht in mein Sonett, in mein Wunschkonzert. Denn hier sollen nur schöne Töne erklingen. Lustige, freudige, herzerfüllende. Doch manchmal sind Erklärungen leider nötig. Das Andersein, das man nicht will, das muss man wohl ab und an doch akzeptieren.

 

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Ein Gedanke zu “Mein Wunschkonzert

  1. Deinen Blog lese ich seit Februar 2017, dem Monat meiner Diagnose, du bist mir also ein knappes Jahr an Brustkrebserfahrung voraus, während ich dir rund 10 Jahre Lebenszeit voraus habe.
    Ich habe viele hilfreiche Informationen hier gefunden, die mir durch meine bisherige Therapie (Chemo, OP) geholfen haben – danke dafür!

    Deinen Blog zum Thema Wunschkonzert finde ich interessant. Natürlich hinterlassen eine Krebsdiagnose und Therapie Spuren an Leib und Seele. Nach einer neoadjuvanten Chemo sieht man krank aus und fühlt sich auch so, selbst wenn man nach der OP die Nachricht einer Komplettremission erhalten hat und de facto krebsfrei ist. Meine Psychoonkologin hat mir nach der OP empfohlen, mich ungeschminkt den Kollegen zu zeigen. Damit die sehen, welchen Weg man gegangen ist, und um zu verhindern, dass der Eindruck entsteht, jetzt müssen nur noch die Haare wieder wachsen und dann sei ja alles wieder gut. Damit man den Rücken frei hat und nicht ständig erklären muss, warum man zwar krebsfrei, aber noch eine ganze Weile arbeitsunfähig ist.

    Was das Anderssein angeht, so hoffe ich sehr, dass ich den Krebs irgendwann mal hinter mir lassen kann. Als ich meine Diagnose im Bekanntenkreis teilte, erfuhr ich von vier anderen Frauen, dass sie vor 5-10 Jahren ebenfalls Krebs hatten, teilweise mit heftigen Therapien, Stammzellentransplantation inklusive. Zwar hatte keine davon Brustkrebs, aber Lymphdrüsenkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Hautkrebs und Darmkrebs. Sie alle stehen mitten im Leben, haben Familie, 2-3 Kinder, verantwortungsvolle Jobs in Führungspositionen, eigene Arztpraxen. Alle sagen, der Krebs spielt keine Rolle mehr für sie, sie sind geheilt. Das macht mir Mut, da will ich auch hin.

    Wenn ich irgendwann wieder voll arbeitsfähig sein und mich wieder in dasselbe Hamsterrad begeben sollte, in dem ich vor der Diagnose war, dann muss mir klar sein, dass für mich dieselben Regeln gelten werden, wie für die Kollegen. Dann ist es mit dem Anderssein vorbei. Und das ist gut so.

    Gefällt 1 Person

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