Der ständige Wandel ist anstrengend

Es ist anstrengend, Krebs gehabt zu haben. Es ist anstrengend, danach wieder ins Leben zu finden. Es ist anstrengend, wenn – wer auch immer – einem Steine in den Weg legt. Und es ist anstrengend, wenn sich Außenstehende anmaßen, den Krebs und alles was du durchgemacht hast und noch durchmachen muss, zu beurteilen. Wenn sie meinen, zu wissen, was es heißt, durch dieses Höllentor gegangen zu sein und wieder zurück.

Krebs verliert zunehmend seinen Schrecken. Dies ist einerseits gut, weil es meint, dass heute mehr Menschen geheilt werden als früher. Weil es heißt, dass die Therapien das Gesamtüberleben steigern. Weil die Therapien immer besser und verträglicher werden.

Die Kehrseite jedoch ist, dass Krebs heute nicht immer sichtbar ist. Weil es gute Mittel gibt, die Folgen der Krebstherapien zu verstecken: Make up, Perücken, Kleidung. Weil gerade junge Frauen sich während der Therapien fit halten und mit einer guten Portion „Der-Krebs-kriegt-mich-nicht“ zurück ins Leben und den Job kämpfen.

Von außen scheint, man sei schnell über den Berg. Auch ehemalige Krebspatientinnen wie meine Wenigkeit, verlieren bisher den realistischen Blick aufs Ganze. Der da nämlich ist, die nächsten fünf Jahre rezedivfrei zu bleiben. Das allerdings ist mit viel Arbeit und Disziplin verbunden. Sieht und spürt nur keiner.

Wir Survivors haben neben unserem Job nämlich einen Zweit-Job. Und der ist fast full time: Der Ärztemarathon geht weiter. Anstelle der Anti-Krebstherapien kommen die Therapien zur Behandlung der Nebenwirkungen dazu. Dann noch fünf mal in der Woche Sport, um das Rezidivrisiko zu senken. Gesunde Ernährung heißt, frisch einkaufen und selbst kochen. Und dann noch all die Alltagsdinge, die erledigt werden wollen. Das fängt bei der Steuer an, geht über Reha-Anträge und endet beim ganz banalen Kino-Besuch mit Freunden.

Viele von Euch wissen genau, was ich meine. Für unseren Zweit-Job braucht es ein gutes Management und Zeit zum Entschleunigen. Manchmal ist das anstrengend, da ist man ganz froh, wenn es keine weiteren Baustellen im Leben gibt und alles andere im ruhigen Fahrwasser stabil vor sich hin plätschert.

Doch es gibt ständig Veränderungen, manche sind kleinerer und manche größerer Natur. Je größer, unvorhersehbarer und negativer, desto mehr erschüttert es mein stabiles Nach-dem-Krebs-Konstrukt.

Erschütternd ist auch, wenn Außenstehende recht unbeholfen versuchen, sich in meine Lage hineinzuversetzen.  Daran scheitert kläglich, wenn Unwissen bzw. Halbwissen die Argumentationsbasis darstellt. Daran scheitert kläglich, wer sich mit der Person, um die es geht, nicht auseinandersetzt aber versucht zu (be)urteilen und Kausalitäten herzustellen. Ich empfinde so etwas als anmaßend und es trifft mich mitten ins Mark.

So habe ich unlängst erklärt bekommen, dass mich Veränderungen, die von außen kommen, sicher so treffen, weil ich sie nicht steuern kann. Beim Krebs sei das anders gewesen. Ich soll alles selbst in der Hand gehabt haben, alles selbst bestimmt und entschieden haben. Baff, ich war einfach baff. Ich habe geweint. Was soll das heißen? Dass ich mir den Krebs ausgesucht habe? Soll das heißen, ich habe mir Chemo, Bestrahlung und Operation selbst verordnet? Ich habe was? Den Krebs durch Selbstheilung besiegt? Krebs bedeutet f… noch mal, dass man sein Leben in die Hände anderer gibt; dass man von Ärzten und Chemo-Schwestern, Zytostatika und Pillen, der Krankenkasse, der Rentenversicherung, von seinem gesamten Umfeld abhängig ist. Krebs heißt, aus seinem Leben gerissen zu werden. Er bedeutet auch manchmal, Träume aufzugeben und sich mit einem Ist- und Wird-Zustand abzufinden, mit dem man sich nicht abfinden will.

Dieses Gespräch hing und hängt mir noch lange nach. Was das mit einem macht, ist nicht in Worte zu fassen. Mittlerweile habe ich etwas Abstand gewonnen. Aber sauer bin ich noch immer. Und das sicher noch lange. Weil es mich belastet. Weil ich nicht zur Ruhe finde, weil es mich nachts nicht schlafen lässt. Weil ich es als anmaßend empfinde, auch wenn vielleicht keine böse Absicht dahinter steckt. Weil ich die Stabilität dringend brauche und ich eben noch lange nicht über den Berg bin, wie manche Menschen glauben mögen.

Mein Wort zum Sonntag.


8 Gedanken zu “Der ständige Wandel ist anstrengend

  1. deswegen habe ich es kaum jmd erzählt, dass ich Krebs habe bzw hatte (ist ohne Chemo natürlich einfacher). Es stimmt, dass viel Zeit in Sport investiert wird (mache ich 5-6x die Woche), aber kein Problem: gucke weniger fern ubd nutze die Zeit sinnvoller. Und es entspannt mich, hält mich fit. Kochen tu ich ungern, esse viel Rohkost. Nebenwirkungen Tamoxifen spüre ich und seh sie positiv: die Tabletten wirken. Ich weiss, wofür ich das mache: ich will leben. Und zwar gesund und noch lange. Schönen Sonntag, ich geh jetzt schwimmen 🙂

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  2. Ich verfolge deinen Blog schon bestimmt ein dreiviertel Jahr. Darf nach Chemo, OP, Strahlentherapie und Reha in ein paar Tagen wieder los zur Wiedereingliederung. In meiner alten Arbeitsgruppe, bei Kollegen denen ich in diesem Jahr Behandlung keine Postkarte wert war. Der Eine (wir arbeiten seit mehr als 20 Jahren zusammen) hat nach einem halben Jahr angerufen nachdem der Vorgesetzte ihn darauf angesprochen hat. Es kam der denkwürdige Spruch: „Krankheit und Krebs ist nicht so meine Sache.“ Ja hallo, meine viellecht? Da wieder arbeiten zu müssen ist der Supergau.

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    1. Hallo Ingrid, ich wünsche Dir dafür viel Kraft. Meist hat es mir im Umgang mit anderen geholfen, sehr offen mit dem Thema umzugehen. Es hat dann dem Gegenüber quasi den Schrecken genommen. In den meisten Fällen war das erfolgreich. Es gibt aber Menschen, die das nicht erfassen können oder wollen. Aus welchen Gründen auch immer. Und nicht immer möchte man selbst das Thema auf den Tisch bringen. Ich drücke Dir jedenfalls die Daumen für den Wiedereinstieg. Lg

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      1. Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass klare Worte wirken. Wenn mein Gegenüber letztes Jahr sagte „oh du arme“ habe ich jeweils gesagt: „ich bine keine Arme, nein ich bin keine Arme und ich gehe den Weg und der ist Herausfordernd für mich. Somit habe ich den Leuten den Wind aus den Segeln genommen alles interpretieren zu müssen. (Ich arbeite im medizinischen Bereich). Danke an Vale für ihren Blog!!

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  3. Einige haben Angst mit dem Thema Krebs in Berührung zu kommen, sensibilisiere sie. Andere denken, SIE bekommen nie Krebs,warum? Habe Mittleid mit ihnen, sie wollen dich nicht hören!! Und es gibt auch die, die dich verstehen wollen, egal wie es dir geht und welche Krankheit du hast, oder hattest…erzähle ihnen deine Geschichte, sie werden zu Verbündeten! LG

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  4. Es tur mir leid, dass du diese Erfahrungen machen musst. Die Konfrontation mit Krebs verursacht bei vielen Menschen Unbehagen. Man braucht viel Selbstmitgefühl, um das nicht auf sich zu beziehen, nicht an sich heranzulassen. Vielleicht hilft dir da ein MBSR Coaching.

    Zum Thema „Steine in den Weg legen“: meine Diagnose ist noch nicht mal ein Jahr her, aber meine Krankenversicherung hat für mich inzwischen mal einen Termin bei einem unabhängigen Gutachter gemacht, weil ihnen meine Arbeitsunfähigkeit bereits zu lange dauert. Ohne Worte.

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