Besoffene auf Reha

Nicht ich besauf mich auf Reha, es sind andere. Hier gibt es eine Sauf-Gruppe, die sich jeden Tag ab dem Nachmittag das Bier reinkippt als wäre es Wasser. Damit nicht genug, belästigen sie auch noch die anderen Patienten im Haus. Und by the way: Ja, ich bin nicht abgereist. Ein klärendes Gespräch hat mich dazu bewegt, hier zubleiben.

Ich hatte ja schon berichtet, dass ich mein Anliegen nach oben eskalieren lassen wollte. Denn mehrere Gespräche mit dem Oberarzt, der Stations- und Therapieleitung hatten nichts gebracht. Eine Woche war ich quasi therapielos oder hatte sinnfreie Termine auf meinem Plan.

Ich weiß, es gab krankheitsbedingte Ausfälle. Allerdings sollte eine Klinik flexibel genug sein, um entsprechende Fehlleistungen zu kompensieren. Und es ist auch nicht Aufgabe der Patienten, sich darum zu kümmern, den Tag irgendwie auszufüllen.

Am Freitag nun war ich bei der Klinikleitung und habe folgende Punkte auf den Tisch gelegt – auch per E-Mail:

  • Aufnahme am Montag auf Station mit mobilem Krankenhausbett (traumatisches Erlebnis) und keine Flexibilität hinsichtlich einer Lösungsfindung
  • Therapieplanung entgegen körperlicher Indikationen (Innenbandriss & Lymphödem), trotz Hinweis darauf kein Alternativangebot, sondern mehrfach gleiche Maßnahmen im Therapieplan, die den Gesundheitszustand nicht zuträglich sind.
  • Bei Ausfallen von Terminen keine Alternativangebote, nur der Hinweis darauf, man könne ja vier Stunden spazieren gehen
  • Keine Visite innerhalb einer Woche
  • Fehlende geeignete Therapie-Maßnahmen zur Behandlung eines Lymphödems
  • Keine Absprachemöglichkeiten mit dem Klinik- bzw. Planungspersonal direkt nach Erhalt des Tagesplanes
  • Zugesicherte Therapietermine werden nicht eingehalten
  • Unzureichende Kommunikation mit Verantwortlichkeiten

Erst nach meiner Eingabe bei der Klinikleitung änderte sich etwas. Plötzlich bekam ich Lymphdrainage. Auch meine Tagespläne wurden besser. Mehr Sport und mehr Anwendungen. Ich hatte auch ein Gespräch mit der Klinikleitung bzw. einem Vertreter.

Ich glaub‘, mich knutscht ein Elch

Ein Herr Professor, der zunächst einen Monolog darüber hielt, wie toll er als Arzt doch sei und dass er schon operiert habe, als mein Chirurg 1 noch in die Windeln … hätte. What? Das hat doch nichts mit meinem Anliegen zu tun, dachte ich und versuchte noch mal die oben genannten Punkte anzusprechen.

Der Herr Professor antwortete recht ausweichend. Man könne ja nichts für die Ausfälle. Die Klinik sei super. Niemand würde sich beschweren. Alles sei toll. Dennoch. Ich ließ nicht locker und wies ihn noch mal eindringlich darauf hin, dass ich hier sei, um die von der RV genehmigte Maßnahme dem Erhalt und der Förderung meiner Arbeitsfähigkeit nach Mamma-Ca-Therapie gut abzuschließen. Ohne geeignete Therapie aber könne ich nicht sehen, inwiefern das zielführend sei.

Nun ja, was dann kam, verwunderte mich doch sehr: Ich sei dann wohl nicht therapiefähig. Denn mein Innenbandriss erlaube es nicht, an allem teilzunehmen. Nun ja, wenn man ein so begrenztes Angebot an Maßnahmen hat, dann hätte das doch bei der Aufnahme berücksichtigt werden sollen. Oder nicht?

Dann fragte der Professor etwas, das mich an seiner Kompetenz doch stark zweifeln lässt: Ob ich Raucherin sei, das könne er nämlich an meinen Lippen erkennen. What the hell? Bitte? Natürlich rauche ich nicht. Das sagte ich ihm. Daraufhin sagte er, dass er es aber bestimmt sehen kann. Ich glaub’, mich knutscht ein Elch. Unfassbar und total übergriffig.

Auf das Thema Krankenhausbett wollte er gar nicht eingehen. Das sei doch nichts Schlimmes. Als Sprachnotiz hielt er dann fest, dass ich dringend Psycho-onkologische Betreuung benötige. Ich sagte ihm: „Danke, aber notieren Sie bitte auch, dass ich in besten Händen bin“ und dies auch nicht in seinen Kompetenzbereich gehöre.

Dann fragte er nach meinem Beruf. Tja, danach war das Gespräch dann auch schnell zu Ende. Er wünschte mir „trotz allem noch alles Gute“, woraufhin ich erwiderte: „Alles andere wäre auch schändlich“.

Bei der Visite am Mittwoch ließ ich den Chefarzt wissen, dass ich bitte in meiner Akte keinen Vermerk „Raucherin“ vorfinden wolle. Das verbitte ich mir ausdrücklich. Der Doc schaute mich ganz verdutzt an, als ich ihm die Geschichte mit meinen Lippen erzählte. Den Namen des Professors habe ich aber für mich behalten.

Nun gut, über meinen Therapieplan kann ich mich nicht mehr beschweren. Läuft. Mehr wollte ich nicht. Ok, und ein angemessenes Zimmer. Doch irgendwie ist in dieser Reha der Wurm drin. Denn hier geht es manchmal zu, wie in einer alten Hafen-Kneipe.

Saufgelage im Reha-Zentrum

Ein paar Patienten meinen hier jeden Tag über den Durst trinken zu müssen. Allen voran so ein abgehalfterter, grauhäutiger, tätowierter Typ mit Meckie-Messer-Frise. Prollo und Raucher. Man, hat der ein Benehmen. Der schafft die Flaschen Helles hier Beutelweise in den Aufenthaltsraum.

Meine liebe Freundin Petra hat er einmal abends besoffen von hinten an den Schultern gepackt und massiert. Sie war mega angewidert und hat dann das Weite gesucht. Wäre ich dabei gewesen, dann hätte es was gegeben. Das ist übergriffig hoch zehn. So ein W… Ich kann gar nicht so viele Schimpfworte finden, wie er es verdient hätte.

Meine Freundin ist noch sehr jung und leider viel zu nett. Beschwert hat sie sich leider nicht. Aber in der Klinik weiß es eh jeder, weil es ein paar Zeugen gibt.

Schade, dass sich ein paar andere Patienten dem täglichen Saufgelage dieses Prollos anschließen. Das artet immer aus. Meist fliehen wir aus dem Saal, wenn die kommen. Und nachts, wenn die besoffen in ihre Zimmer finden, poltern sie und wecken andere auf. Außerdem hat besagter RTL2-Typ offenbar eine Affäre mit einer Patientin hier. Die wurden wohl schon von Patienten und Praktikanten beim Knutschen (igitt, Bilder in meinem Kopf) beobachtet. Beide sind wohl verheiratet – nur nicht miteinander.

Diese Sauf-Gruppe ist einfach ohne Benehmen, wie die Hottentotten. Schlimm genug, dass die ihren eigenen Körper nach eine Krebstherapie so etwas antun. Es ist auch eine schallende Ohrfeige für unser Sozialsystem und die Solidargemeinschaft, die einen Reha-Aufenthalt für solch nicht-therapierbare Individuen mit ihren Beiträgen zahlen. Es ist auch ein Schlag ins Gesicht für all die Patienten hier, die sich noch im Kampf gegen den Krebs befinden oder ihn gar verloren haben und hier palliativ behandelt werden.

Ich verachte solche Menschen. Es kann ja jeder für sich tun, was er für richtig hält. Aber auf einer Kur, die dazu dient, die Arbeitsfähigkeit zu fördern und zu erhalten, die fit machen soll und therapieren, geht das einfach nicht. Dieses Verhalten ist einfach nur mega unverschämt.

Mein Wort zum Samstag.


14 Gedanken zu “Besoffene auf Reha

  1. Das hört sich wirklich schlimm an. Ich finde esgut, dass du dich wehrst. Aerzte können schon sehr anmassend sein.
    In der Schweiz gibt es keine Reha nach Mamma- Karzinom und ich habe bis auf einen Monat nach der OP im Mai017 immer gearbeitet (Chemo 60% und während der Bestrahlung 50%) dann 80% und seit Januar wieder 100%. Wie du auch geschrieben hast, finde ich neben den Arbeitspensum und Lympfdrainage, Herzeptin und Aromatasehemmer noch regelmäßiges Training anstrengend.liebe Grüsse Ru

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  2. Hi,
    Wo warst du denn auf Reha?
    Ich habe auch ziemlich schlechte Erfahrungen gemacht mit einer im Internet hochgelobten AHB-Klinik, die mir vom Sozialdienst als „sehr sportorientiert“ empfohlen wurde. Ein Witz.
    Ich bin dir ziemlich genau 6 Monate „hinterher“ mit Diagnose und Therapie. Habe exakt den gleichen Therapieverlauf (gleiches Krankenhaus) und hab mich dort sehr gut aufgehoben gefühlt. Eine Reha mache ich sicher nicht mehr, das war vertane Zeit.
    Bin während der grausamen Chemo-Zeit auf deinen Blog gestoßen und fand ihn sehr interessant.
    Liebe Grüße
    Ruth aus München

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  3. die Reha ist in diesem Fall kontraproduktiv – Du bist ja sauer und gestresst (was ich nach Deinen Ausführungen verstehe). Melde das mal der Rentenversicherung. Und falls es zu ner weiteren Reha kommen sollte, geh in eine Klinik, die auf Brustkrebs fokussiert ist. Dann ist zumindest das Angebot stimmig. LG

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  4. Ach je, das klingt ja nach einer ziemlichen Pleite. Tut mir sehr leid für dich!

    Aber, und damit will ich keineswegs den übergriffigen Proleten entschuldigen: das Publikum bei deiner Reha ist auch nur ein Querschnitt unserer Gesellschaft: da gibt es Alte, Junge, Alkoholiker, Raucher, Menschen mit schlechtem/gutem Benehmen und (nicht) vorhandener Allgemeinbildung, Sportler, Gesundheitsfanatiker, Gebildete, Dumme, Arme, Reiche, Menschen mit/ohne Verantwortung/Moral/Gewissen…
    Sie alle eint die eine tieftraurige Tatsache: Krebs, oder ein anderes Leiden, hat sie in die Rehaklinik geführt.

    Wenn du irgendwie kannst, geh ihnen aus dem Weg, wie den Negativlingen in deiner AHB damals. Ist besser für dich und deine Nerven.

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  5. Das klingt gruselig. Ich glaube ich hätte schlagartig die Flucht ergriffen. Ich habe nie eine Reha gemacht, weil ich auch Angst davor hatte Totkranke Menschen zu sehen und es sind ja auch unheilbare Krebspatienten auf Reha.
    Ich habe auch ein Lymphödem aber Gott sei dank ist das auch ohne Lymphdrainage und Kompressonstrumpf nicht schlimmer geworden.
    Trägst Du eigentlich einen Kompressionsstrumpf für den Arm wo das Lymphödem ist ?

    Liebe Grüße

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  6. Hallo Vale47,
    bei mir ist der Arm mit dem Lymphödem ca.2,5 cm dicker im Umfang als der andere Arm aber ich merke davon nichts . Deshalb habe ich auch bis jetzt nichts dagegen gemacht, was wahrscheinlich ein Fehler ist.
    Wie „groß “ ist denn Dein Ödem und wie merkst Du es ?

    Liebe Grüße

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    1. Bitte geh zum Arzt und lass dir lymphdrainage und einen Kompressionsstrumpf verschreiben. Das Ödem kann schlimmer werden. Die manuelle Therapie kann es in Schach halten. die Lymphe abfließen. Wenn es bei mir hakt- also die lymphe sich staut – merke ich es an einem ziehen manchmal auch kribbeln oder brennen. In der Brust ist es anders. Da spannt sie, dass es auch mal schmerzen kann

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  7. Danke für den Tip, aber ich kann mir nicht vorstellen für den Rest meines Lebens ständig zur Lymphdrainage zu müssen und immer so einen Strumpf tragen zu müssen und das Fremdkörpergefühl ertragen zu müssen (bin hypersensibel) aber ich werde versuchen mich aufzuraffen. Ist nicht einfach, wenn man gar keine Beschwerden hat.
    Hat sich der Umfang bei Deinem Lymphödem eigentlich verringert durch die Behandlung ?

    Liebe Grüße

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  8. Den Typen fand ich schon widerlich wie ich ihn das erste Mal gesehen habe. Gottseidank hab ich ihn nur drei Tage ertragen müssen. Er hat ja auch meine Tischnachbarin gefragt, ob sie ihm eine Mütze für sein bestes Teil häkeln kann……
    Noch schöne letzte Tage wünsch ich dir, wettermässig müsste es ja passen.
    Lg Iris

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