Typologie der Reha-Patienten 2.0

couple on the wheelchair

Als ich im letzten Jahr auf AHB war, hatte ich eine Typologie der Reha-Patienten geschrieben. Diese gilt es zu erweitern. Denn was ich hier alles sehe und höre, schreit einfach danach. Hier nun die erweitere Form. Und wie im letzten Jahr schon erwähnt: In einigen Typen finde ich mich selbst auch wieder – nur nicht gleich in den ersten der hier aufgeführten. 😉

Die Desperate Housewife

Ich dachte ja, diese Spezies ist mehr Sage als echt. Aber weit gefehlt. Es gibt sie wirklich. Vielleicht dann auch den Yeti? Die Desperate nimmt die Reha zum Anlass, endlich mal die Kronleuchter ordentlich durchschütteln zu lassen. Kein Mann ist vor ihr sicher – egal wie unattraktiv der Herr auch sein mag. Die Desperate muss auch ordentlich feiern. Sie will Spaß die ganze Zeit. Am liebsten tanzt sie auf mehreren Hochzeiten.

Der Saufbold

Der Säufer hält sich selbst für den Größten. Ein Tattoo-Liebhaber – nur ohne Geschmack. Ein Prolet – nur ohne dickes Auto. Ein Dummschwätzer – eben ohne Intellekt. Ein Raucher – mit aschfahler Haut und schlechtem Atem. Der Saufbold trinkt Bier wie Wasser. Mit jeder Maß wird er lauter und lauter. Er ist ein ekliges Getier, das mit steigendem Alkoholpegel zu Grapschen anfängt und jeder Frau auf widerliche Art anbaggert, um am Abend nicht alleine aufs Zimmer zu müssen. Besagter Saufbold war auch beim Dreier-Gespräch anwesend. Igitt. Interessanter Weise kommt diese Spezies bei manchen Damen wirklich gut an. *kopfkratz*

Der Schreihals

Oh mein Gott ist der Schreihals laut. Er redet und redet – ohne Punkt und Komma. Er fragt auch nicht, ob man seinen ganzen Schwall hören will. Er ergießt seine Worte ungefragt über jeden. Da kann einem ganz schwindelig werden. Sicher ein netter Mensch, aber anstrengend – besonders für denjenigen, der ihn nicht kennt.

Der Entertainer

Ein Tag ohne ihn auf Reha wäre ein verlorener Tag. Der Entertainer hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Er unterhält sein Publikum vortrefflich – meist ich-bezogen. Das wiederum lässt den Rest der Reha-Typen für kurze Zeit die eigene Krankheit und alles was dazugehört vergessen. Auch das Klinik-Personal wird vom Entertainer gut unterhalten. Nur ab und an wird sein Unterhaltungsprogramm etwas zu viel. Dann möchte man auf einen Knopf drücken und ihn kurz ruhig stellen. 😉

Der Besserwisser

Im allgemeinen Reha-Klinik-Sprachgebrauch wird er auch der Klugscheißer genannt. Er weiß alles besser. Insbesondere meint er, es viiiiel besser als seine Ärzte zu wissen. Möglich, dass das manchmal stimmt. Mit seiner lauten Art aber tönt er seine Besserwisserei durchs Haus und stellt damit die gesamte Einrichtung in Frage.

Der Drache

Wer den Drachen am Esstisch sitzen hat, hat nichts zu lachen. Am Morgen vermiest er seinen Tischnachbarn Kaffee und Frühstücksei, am Mittag den Braten und am Abend den Salat. Er motzt und kotzt. Er flucht und schimpft. Über sein Leben, die Ärzte, die Klinik, den Tag, den Fussel auf dem Rock, den Nachbarn aus Italien. Ja, der Drache ist bisweilen latent ausländerfeindlich. Die Mundwinkel nach unten gezogen, die Lippen zu einem dünnen Schlitz verzogen, den Blick über der Brille verkrampft.

Der Kummerkasten

Diese Spezies kann einem wirklich leid tun, besonders in Reha-Einrichtungen. Männer wie Frauen, die ihre Krankheit zelebrieren wie ein Fest, zieht der Kummerkasten nahezu magisch an. Weil er sympathisch ist, nett und lieb. Heuler, Schimpfer, Besserwisser, Drachen – sie alle laden all ihren Müll bei ihm ab. Zum Leidwesen des Kummerkastens, der ja auch sein Säcklein zu tragen hat.

Der Eloquente

Er möchte sich gut unterhalten. Auf hohem Niveau. Er ist Gentleman, gebildet, weise und großmütig. Der Eloquente freut sich, wenn er in der großen Masse zwei, drei Personen findet, denen er vortragen kann und mit seinem Wissen bereichern. Der Eloquente ist wirklich lieb. Ich mochte ihn gerne um mich.

Der Spion

Der Neugierige schleicht sich gerne von der Seite an, um Gespräche zu belauschen. Seine rote Nase verrät seine Sucht. Nach Alkohol, nach Geschichten, nach Klatsch und Tratsch. Wie ein Agent robbt er sich von hinten an, stellt rhetorischen Fragen, quatscht blöde. Nahezu in jeder Ecke taucht der Spion auf. Und ehe man sich versieht, steht man im Mittelpunkt des gesamten Reha-Gossip.

Der Stumme

Der Reha-Patient ohne Worte ist schwer zu knacken. Am Anfang schaut er missmutig, sagt kein Wort. Er scheut die Kommunikation. Sein Gesicht wirkt fahl, sein Blick ist starr. Dem Stummen aber ist beizukommen. Mit viel Herz und Humor. Dann taut er auf und sein Gesicht erwacht. Hach.

Der Pflichtbewusste

Mitunter einer meiner liebsten Reha-Typen ist der Pflichtbewusste. Auch wenn es ihm nicht schmeckt, er hält sich an den Rat der Ärzte. Er arbeitet seinen Plan ab, isst nur was vorgeschrieben ist und erntet Erfolg. Nach drei Wochen hat er sein Ziel, fitter zu werden und abzunehmen, erreicht. Er behält sich seinen Humor und hinterfragt Therapien und Verordnungen trotz alledem kritisch.

Der Coole

Sehr selten in der Klinik anzutreffen ist der Coole. Sein Humor ist so trocken wie das Knäckebrot am Buffet. Er liebt es, intelligente Witze zu reißen und nimmt kein Blatt vor dem Mund. Der Coole ist schlagfertig und lässt sich von fast nichts beeindrucken. Seine Krankheit hat er voll und ganz akzeptiert. Er macht das Beste daraus. I like it.

Der Stinker

Leider trifft man den Stinker öfter an als beliebt. Seine Witterung ist schnell aufgenommen. Kommt ein Lüftchen um die Ecke, sollte schnell die Flucht ergriffen werden. In seiner Nähe nämlich ist es kaum auszuhalten. Noten von altem Schweiß erinnern an fäkale Unfälle. Besonders schlimm: Der Stinker geht in den gleichen Kurs. Zum Aqua-Jogging. Kann sich jemand vorstellen, wie schnell ich im Wasser joggen kann???

Das Ferkel 

Leute gibt’s, das kann und will sich niemand vorstellen. Das Ferkel ist so eine Person. Es desinfiziert sich nicht die Hände, bevor es zum Buffet geht. Das Ferkel greift sodann genüsslich zu Bananen und Brot, ohne die Zange zu benutzen. Manchmal niest das Ferkel zuvor auf seine Hand. Oder sogar dem Tischnachbarn aufs Essen, ohne sich zu entschuldigen. Es ist auch schon vorgekommen, dass das Ferkel den Buffet-Löffel vom Mousse au chocolat abschleckt. Eine Oma, die das Getier dabei beobachtete, bekam daraufhin Herpes.

Der Hilfsbreite

Ich mag den Hilfsbereiten sehr, weil er zur Stelle ist, wenn er gebraucht wird. Etwa bei einem drohenden Marder-Nest im Auto. 😉 Der Hilfsbereite hat das Problem im Blick und steht mit Rat und Tat parat. Er ist ein wirklich netter Mitmensch.

Das Trampeltier

Es scheppert, es poltert. Den ganzen Tag, die ganze Nacht. Über einem, neben einem. Dem Trampel ist leider nicht beizukommen. Nicht mit lieben Worten, nicht mit ständigem Insistieren. Es ist wie es ist. Laut und ohne Rücksichtnahme. Glücklich fühlt sich, wer das Trampeltier nicht über oder neben sich wohnen hat. Ansonsten aber ist es ein wirklich netter Mitmensch. Lustig und lebensfroh. Nur das Laufen beherrscht es eben nicht so recht. Mit der Hacke in kleinen forschen Schritten – Es sollte ein Kurs geben für richtiges Laufen, mein ich.

Ich hoffe, dass alle, die das hier lesen, den Text mit Humor nehmen. Auch wenn sie sich selbst in dem ein oder anderen Typen erkennen. 😉

Und es gibt noch viele weitere Reha-Typen. Welche habt Ihr schon getroffen?

Advertisements

4 Gedanken zu “Typologie der Reha-Patienten 2.0

    1. Hach, gar nicht so einfach: bissel Besserwisserin, Entertainerin, etwas Eloquenz trau ich mir auch zu; meist pflichtbewusst und wenn es drauf ankommt hilfsbereit. Fashionista (siehe zweiter Kommentar) hab ich nach einem Tag abgelegt 🤣 ich renne hier nur in Sporklamotten und mit Beutel rum. Ich bin auch ein Beuteltier – ich geb’s zu 🙈

      Gefällt 2 Personen

  1. Die Klassensprecherin hab ich getroffen, die Spieleabende organisiert und Strickrunden, Geburtstagsständchen und Torte. Und die sich beim Klinikpersonal einsetzt für das Wohl und Wehe derer, die sich ihr angeschlossen haben.

    Die Reha-Fashionista hält was auf sich, sie ist immer perfekt gestylt, sogar zur Wassergymnastik. Sie trägt Schmuck und Parfum, den Therapieplan im Louis Vuitton Rucksack und an den Füßen UGGs verschiedener Couleur und Ausführung. Die Fashionista spaltet: entweder wird sie bewundert und hat zahlreiche Follower und Nachahmer oder es wird über sie die Nase gerümpft.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s