Wie es so läuft

Ich habe mich lange hier nicht mehr gemeldet. Einige von Euch haben das bemerkt und mich gefragt, was ich denn so treibe und wie es mir denn so geht. Daher heute für Euch ein kleines Update.

Das Leben rast nur so dahin. Nicht unbedingt an mir vorbei, aber es rast. Manchmal fühlt es sich so an, als wäre nichts passiert. Keine Chemo, keine OP, keine Bestrahlung. Nur die wöchentlichen Therapiestunden und die regelmäßigen Arzttermine und die Anders-Behandlung im Job halten mir das Cancer-Thema immer wieder vor Augen – und ja, auch die kurzen Haare. Ansonsten habe ich das Thema Krebs weitestgehend aus meinem Leben gestrichen.

Das Ständig-daran-erinnert-werden ist zum einen gut, da es mir immer wieder klar macht: Ich bin noch nicht über dem Berg. Denn viel zu schnell fängt einen der ganz normale Wahnsinn wieder ein und wir vergessen. Wir vergessen, wie sehr wir gekämpft haben, um diesen besonderen Status eines Survivors. Wir vergessen viel zu schnell, wie schön die Zeit dennoch war – wie sehr man sich täglich an den kleinen Dingen erfreuen konnte, wie viel Wertschätzung man den Dingen des Lebens, den Freunden, den Ärzten, der kleinen Biene an der Blüte entgegengebracht hat. Wie sehr man das Leben inhaliert hat, wie dankbar man war, dass es Menschen gibt, die mit Dir um Dein Leben kämpfen.

Damit will ich nicht sagen, dass ich mich an all das nicht mehr erinnern kann. Auch nicht, dass ich nichts mehr wertschätze. Aber es geht unter, das Besinnende, das Achtsame, das Wertschätzende. Der Alltag ist wie eine Fahrt mit dem Aufzug. Man steigt ein, fährt ein paar Etagen ohne den Blick nach draußen, ohne den Blick zum Mitfahrenden. Erst beim Aussteigen richtet man den Blick … bis der nächste Aufzug kommt.

In diesem ganzen Alltags-Trott hat sich auch vieles getan in den letzten Wochen – positives und auch negatives. Sehr schön war etwa mein Urlaub mit meiner lieben Caro und der damit verbundenen Wiedersehen alter Freunde. Wir waren erst in New York und dann in Las Vegas. Ein paar bucket-List- Einträge haben sich erfüllt. 🙂

Es war toll und ich vermisse meine kleine Österreicherin jetzt noch mehr.

Übrigens war es der erste Urlaub nach den ganzen Therapien. Ich hatte mit meiner Frau Dr. von der Klinik darüber gesprochen. Sie meinte ja, Fliegen in andere Klima- und Zeitzonen sollte ich so in etwa zwei Jahre sein lassen. Nun bekam ich quasi das GO. Dafür sollte ich mir aber ein paar Tage davor und danach Zeit nehmen, um den Jetlag besser zu verkraften. Was soll ich sagen, ich hätte danach mindestens noch zwei Wochen Urlaub gebraucht. So heftig hat der zugeschlagen.

Positiv ist auch, dass ich in meiner Freizeit relativ viel mit Freunden unternehme und zudem meinen Sport konsequent verfolge.

Leider gibt es in diesem Jahr auch viel Unschönes. Zum einen gibt es im Job viele Ups and Downs. Außerdem hat eine liebe Freundin einen Rückfall. Nach nicht mal einem Jahr und drei Monate war bei ihr der Krebs zurück. Wie sich herausstellte, befindet sich trotz Mastektomie mit anschließendem Wiederaufbau noch immer Drüsengewebe in ihrer Brust. Ich bin mir sicher, dass sie es wieder schafft, aber es ist einfach sch… und unfair, und sch… und ….

Auch Zwischenmenschliches geht mir dieses Jahr sehr an die Substanz. So sehr, dass mein Immunsystem gecrasht ist. Daher habe ich einen Kontakt komplett abgebrochen, bei weiteren bin ich dabei, mich jetzt rar zu machen, weil sie mir nicht gut tun.

Das ist schade, aber ich sehe ja immer wieder, wo das hinführt. Und ich habe auch den Eindruck, dass mir Psychisches viel mehr als früher an die Substanz sprich an den Körper geht. Ich reagiere sofort – und handele. Ich spreche die Dinge konkret an und wenn sich nichts ändert, ziehe ich meine Konsequenzen. Das klingt hart, ist es vielleicht auch, geht aber auch nicht anders.

Deshalb bin ich vor kurzem in die Berge geflohen. Ich bin mit einer Freundin eine Variante des Europäischen Fernwanderwegs E5 gegangen. Von Levico Therme nach Verona. Mal runter kommen – oder rauf 😉 Das hat sehr geholfen, die Dinge wieder klarer zu sehen, den Mist in meinem Kopf zu sortieren, zu selektieren und zu priorisieren.

Es war eine anstrengende Tour. Wir sind täglich etwa 25 Kilometer auf und ab gelaufen. Manchmal waren wir bis zu acht, neun Stunden unterwegs, sind mehrere hundert Höhenmeter rauf und wieder runter. Es war toll und ich fühle mich so gesegnet, dies machen zu können. Ich hoffe, dieses schöne Gefühl hält noch eine Weile an …

 

 

 

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